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Nach Havanna

NACH HAVANNA

„Also, Sie sind nach Havanna gekommen, um was zu tun ?“, fragt der cubanische Zollbeamte den einreisenden Ulrich.

„Um den Malecon zu fotografieren“, antwortet Ulrich Russ in gebrochenem Spanisch.

Der Zöllner fasst sich streng an die Uniform und stellt verschiedene Fragen, z.B.: „Wo wohnen Sie in Havanna?; Was machen Sie, wenn Sie nicht fotografieren?; Warum waren Sie letztes Jahr in den Vereinigten Staaten?“

Ulrich wird unruhig. Er versteht nur die Hälfte, von dem was der Beamte sagt, denn der redet wie ein Wasserfall. Doch das Verhör geht weiter. Alle anderen Gäste aus dem Flieger haben die Kontrolle schon passiert.

Der Zöllner sieht ihn aus unerbittlichen dunklen Augen an. Sein Mund bewegt sich wie eine Maschine und der schwarze Schnäuzer sitzt gnadenlos auf seiner Oberlippe. Eine Glasscheibe trennen Ulli und den Zöllner. Der Beamte lässt seine Finger auf Ullis Papieren tanzen. Der Deutsche stottert etwas von Reservierung und Hotel. Dann ruft eine Kollegin aus einem benachbarten Kabuff dem Beamten zu: „Singen. Er soll etwas singen.“

Ulrich sieht zu ihr herüber. Unter der eng anliegenden Uniform zeichnen sich die Wölbungen ihrer Brüste ab. Ulrichs Augen starren sie an. Seine Gedanken reden ihm ein, er sei ein Idiot. Und wieder ruft die attraktive Mulattin, die seinen Blick natürlich wahrnimmt: „Los Junge, sing etwas!“.

Ulrich ist verwirrt. Sein Blick irrt durch den Raum. Der Beamte hinter der Glasscheibe ruft seiner Kollegin etwas zu. Ulrich versteht nichts. Die Kubaner, die die Bedeutung des Gesagten sehr wohl verstehen, fangen aus vollem Hals zu lachen an, bevor sie wieder disziplinierte Mienen aufsetzen. Die Dame von der Einreisesicherheit  gibt ihm noch mal die Anweisung: „Was ist ? Willst Du uns nichts vorsingen ? Trau Dich einfach. Ist nicht schwer.“

Und tatsächlich: Ulrich tut wie ihm empfohlen und beginnt damit, ein Karnevalslied zu singen, das er von einem betrieblichen Ausflug nach Düsseldorf kannte: „Da steht ein Pferd auf dem Flur, jaja ein Pferd auf dem Flur, das ist so niedlich...“

Das beeindruckt die gewissenhaften Verteidiger der sozialistischen Revolution ungemein, und nach der ersten Strophe fangen sie wieder an zu lachen, hemmungslos und werfen sich kubanische Wortfetzen an den Kopf: „Unglaublich....Wie wunderbar...Gebt ihm die Nummer meines Arztes...Er ist ein bischen hüftsteif“. Einer klopft ihm auf die Schulter. Schließlich bekommt er den Stempel und darf rein ins Land.

Kaum hat er das Flughafengebäude verlassen, fällt ihn die Hitze an. Er muß stehenbleiben und seinen Riesenkoffer abstellen. Schnell finden sich ein paar Cubaner, die ihm verschiedene Dienstleistungen anbieten. Ulli sagt nur 'Taxi', da führt ihn schon ein hellhäutiger Cubaner zu seinem Nissan. Auf der Wagentür steht 'Turistaxi'. Damit erwischt Ulli das teuerste Taxi der Insel. Er will in sein Hotel und zahlt für die Fahrt das Doppelte des üblichen Preises - in US-Dollar versteht sich. Das erfährt er aber erst, als er an der Hotelrezeption eincheckt und nebenbei den Fahrpreis fallen lässt. Die freundliche schwarzhaarige Hotelrezeptionist grinst ihn aus glitzernden schwarzen Augen an und klärt ihn beiläufig auf. Sofort regt sich in ihm dieser Gedanke: 'Mich kann jeder bescheissen. Ich bin ein Trottel.' Das glaubt Ulli denn auch, und er geht auf sein Zimmer. Den ganzen Tag traut er sich nicht aus dem Hotel. Statt dessen trinkt er ein paar teure Biere in der Bar mit den großen Panoramafenstern. Durch die blickt er direkt auf die große Uferstraße Havannas - den Malecon. Das Meer ist aufgewühlt, es spritzt von Zeit zu Zeit über die Mauer auf die Straße. Die Schönheit des karibischen Atlantiks nimmt Ulli kaum wahr, er ist in seinen Gedanken versunken, die ihm nur wenig Gutes über ihn sagen.

„Ich will auch im Meer verschwinden“, so Ulrichs Worte zu sich selbst am zweiten Abend nach dem Konsum einer halben Flasche Rum. Die erste Hälfte hat er am Tage auf seinem kleinen Balkon geleert. Er sitzt in einem kleinen Privatrestaurant unweit seines Hotels. In seinem Reiseführer wurde es empfohlen. Es gab Langusten, die waren fast kalt und zäh, dafür aber teuer.

Auch heute hat er sich kaum aus dem Hotel getraut. Er hat mit niemandem gesprochen, ist jedem Annäherungsversuch von Cubanern geflohen und hat sich fast in die Hose gemacht, als ihm in einer kleinen Straße drei Jugendliche mit Basballmützen, Oberlippenfläumen und ärmellosen T-Shirts entgegenkamen. Die drei Jungs haben ihn aber nur interessiert angeschaut und sich dabei unterhalten. Ulli dachte, sie beratschlagten einen Überfall.

Da kommt die Angst wieder hoch. Nun meint er wieder, still vor sich hin jammern zu müssen. Wegen dieser dauernden Jammerei hat ihm seine lebenslustige Freundin Sabine vor zwei Wochen den Laufpass gegeben.

Er ist übervorsichtig und macht Pläne wie er sich gegen einen Angriff wehren könnte, als er von dem Privatrestaurant in Richtung seines Hotels am Malecon losstolpert. Es passiert gar nichts - wie so oft in seinem Leben - während er durch die dunklen Straßen Havannas geht. Vor ihren Häusern sitzen die Hauptstädter, hören Musik und quatschen. Vereinzelte grinsen, als sie den verstörten hellhäutigen Touristen geduckt und unsicher über den alten Asphalt schliddern sehen. Ulrich aber kann sein Hotelzimmer sogar ohne fremde Hilfe aufschließen.

Er träumt in dieser Nacht von einem Typen in grüner Revolutionsuniform, schwarzem krausem Haar und sonnengebräunter Haut. Dieser Typ, der einen rauschenden Fidel Castro-Bart trägt, interviewt ihn zum Thema Prostitution in Cuba. Ulrich antwortet ernsthaft und redet von der Demütigung der Frauen und den bösen US-Dollars, woraufhin der Frager einen Pfiff ausstößt und eine Handvoll junger Kubaner aller Hautfarbenschattierungen herbeieilen. Sie wickeln Ulrich in eine Deutschlandfahne, verschnüren ihn wie ein Paket und hissen ihn auf vollem Mast. Unter ihrem dröhnenden Gelächter verschwindet Ulrich ihn das Fahrwasser eines ruhigeren Traums.

Der üble Geschmack, mit dem er am Morgen erwacht, weicht selbst nach dem ersten Kaffee nicht von ihm. Er hält ihn fest wie ein Tunnel, der kein Ende nimmt. Würde jemand Ulli fragen, wird er sagen: 'Ja, der Tunnel ist in mir'. Dabei sieht Ulrich nicht, dass der Tunnel ein Ende hat. Dieses Ende ist überall: um ihn herum, in allem, was ihn umgibt. Er müsste nur mal hinaus schauen. Mit Rum lässt sich solch ein Tunnel beleuchten; doch später wird es schnell wieder zappenduster.

Aber gegen Mittag hat er die Nase voll von allen Selbstzweifeln: er wendet den Blick von diesem Tunnel ab. Er hat das Hotel verlassen und spaziert in seinem Viertel umher. Es heißt Vedado. In den Schachbrett artig angeordneten Straßen sprengen die Baumwurzeln die Gehsteige. Vor den alten Kolonialstilvillen dösen verzierte Eingangsportale in der Hitze, säulenbehaftete Terrassen locken kleine Vögel an. Da und dort knattert ein Auto oder ein altes DDR-Motorrad vorbei, das Ulli am Klang erkennt.

Vor einem Haus mit bunten Mosaikfenstern schaukeln zwei Cubaner in ihren alten Holzschaukelstühlen im Schatten. Ulli fast sich ein Herz und fragt einen nach der Uhrzeit.

Statt einer Antwort bitten beide Ulli, auf einem einfachen Metallstuhl Platz zu nehmen. Man bringt ihm eine Tasse starken Kaffee.

Ulli nimmt das dunkle Gebräu, das ihm eine freundlich lächelnde alte Dame in einer grünen Porzellantasse serviert, freudig entgegen. Es ist kräftig und schmeckt nach dem Ursprung des Kaffees - mmmh, lecker. Der Geschmack der aufgebrühten, frisch gemahlenen Bohnen verbreitet sich wie eine heiße Brise in seinem Körper. Er bekommt eine Gänsehaut als er die grünbewachsenen Balkone der gegenüberliegenden Häuser in der Sonne blinken sieht. Jemand hat eine Salsa-Musik aufgelegt. Die Fliesen auf dem Boden der Terrasse, auf der er seinen Kaffee genießt, sind traumhaft und zu Hause unbezahlbar. Er schaukelt lächelnd in seinem Stuhl, hält das Tässchen in seinen Händen und schaut zu seinen Gastgebern hin.

„Der Kaffee schmeckt ausgezeichnet“, sagt Ulli. „Er ist kräftiger und natürlicher als der, den ich jeden Tag in Deutschland trinke.“ „Bei uns in Cuba können Sie alles kräftiger und natürlicher haben“, antwortet einer der Beiden. „Das hängt alles von Ihnen selber ab. Schauen Sie genau hin, fühlen Sie den Geschmack der Luft und der Begegnungen und fragen Sie sich nicht dabei, ob es richtig oder falsch ist, was Sie erleben, oder ob es anders sein könnte. Sie waren etwas unentspannt in der Vergangenheit und beginnen gerade, sich zu lockern. Das geht hier ganz einfach. Vergessen Sie doch einfach alles, was Sie bisher über sich und die Welt gedacht haben. Es ist wirklich einfach. Sie können das überall auf der Welt tun. Aber hier präsentiert sich Ihnen eine besonders liebenswerte Umgebung. Sehen Sie sich die Farben dieser Stadt, der Natur und der Menschen an, hören Sie die Stimmen und die Musik, fühlen Sie Ihr Verlangen nach Ihrem Leben.“ Die Augen des Sprechers leuchten. Ansonsten regt sich der Schwarze nicht weiter. Danach schweigen alle drei und lauschen den Tönen der Nachbarschaft. Ulli spürt wie sich sein innerer Rhythmus dem der Umgebung anzugleichen beginnt. Wenig später dankt er den Herren für Ihre Gastfreundschaft, sie entlassen ihn freundlich und er setzt seinen Spaziergang fort. Er genießt Vedado - diesen alten Stadtteil am Malecon, in dem die Hektik der Großstadt zur Ruhe kommt. Palmen, Straßenkreuzer, Fahradfahrer, lachende Menschen, verliebte Paare, abbröckelnder Putz, dort ein Türmchen, da ein Säulchen, hier ein geschwungenes Fenstergitter aus Eisen - alles Lieblichkeiten, die Ulli im weichen Licht des späten Nachmittags aufsaugt. Vielleicht hat er sich in einen Schwamm verwandelt. Am Abend speist er im Hotel und geht früh zu Bett.

Nach dieser Nacht vergisst Ulrich, ein normaler deutscher Bürger,  seine Vergangenheit und wird ein Mensch. Er spürt, wie unwichtig die Frage nach der Zukunft ist, und daß im Augenblick alles präsentiert wird.

Da gibt es jenen Stein im an der Uferstraße 'Malecon' auslaufenden Meer. Er betrachtet ihn. Er ist braun, vielfältig ausgewaschen, und die Gischt, die ihn umspült, ist wie ein Erfrischungsgetränk.

Ulrich drückt den Auslöser seiner mordsmäßig teuren Kamera als ein paar Jungs von der Mauer des Malecon in das diamantene Glitzergrün des Meeres springen und andere ihre Nasen von der Gischt umspielen lassen. Es mag gefährlich sein wegen der spitzen Steine, die überall herumliegen; aber sie lachen ausgelassen und rufen hundertmal 'geil'. Ulrich wundert sich darüber, daß die kubanischen Kids dieses Wort bereits kennen - er hatte sich vorgenommen, es ihnen noch beizubringen.

Am Malecon gibt es keinen Schatten, nur den Geruch nach Salz, nach Zwei-Takt-Gemisch und nach Menschen, die mal schreien vor Vergnügen und mal in einen endlosen Schlund der Melancholie herabstürzen.

Während Ulrich, im Reinen mit sich und gutgelaunt, auf der Ufermauer des Malecon sitzt und einige Schnapsschüsse wagt, teilen sich vor seinen Augen die Wassermassen des fröhlich schimmernden Meeres. Es taucht ein Hai auf.

„Na, Du !“, sagt er zügig mit sehr tiefer Stimme, „wollen wir zusammen schwimmen gehen ?“

Ulrich wundert sich, dass der Hai ein ausgezeichnetes Hochspanisch beherrscht. Vielleicht stammt er ja aus der Region vor Santander in Nordspanien. Ulli antwortet zunächst nicht, und der Hai taucht wieder ab. Wenige Meter entfernt hebt er seinen niedlichen Kopf ein weiteres Mal aus dem Wasser.

„ Na, was ist jetzt ? Hast Du was gegen mich? Woher kommst Du? Übrigens, keine Angst, ich bin nicht schwul. Ich bin ein weiblicher Hai, Süßer.“

Das ist ja ein Ding, denkt Ulli. So ein netter Hai. In diesem Moment hält hinter ihm ein alter Chevrolet, Baujahr 1951, guter optischer Zustand, in meeresblau an. Der Fahrer ruft:

„He, amigo, Taxi ?“

Ulrich dreht sich um und sagt: „Einen Moment, bitte.“

Er fragt den Hai, ob sie nicht mit ihm eine Spritztour durch Havanna unternehmen wolle. Aber der Hai winkt ab. Womit? Mit seiner Flosse natürlich!

„Ich kann doch nicht an Land kommen. Wie stellst Du dir das vor ?“, so der Hai.

Ulrich sagt zum Fahrer: „Tut mir leid“ , und der Chauffeur fährt weiter.

„Na gut“, sagt der gutmütige Ulrich zu dem grinsenden Hai, „ich komme mit Dir mit. Ich will aber noch eine kleine Flasche Rum kaufen, sonst halt ich das vielleicht nicht aus. Warte hier, ich bin gleich wieder da. Übrigens, ich heiße Ulrich.“

„Hallo“, sagt der Hai, „ich heiße Hai. Ich werde noch ein bisschen tauchen, bis Du wieder da bist.“

In einer kubanischen Bar, ein paar Straßen jenseits des Malecon, lässt sich Ulrich eine kleine Plastikwasserflasche mit Rum füllen. Als er dem Wirt 10 Peso dafür gibt, glaubt er, er spinnt, denn an der Wand der alten Kolonialstilvilla fällt zwar der Putz von den Wänden, doch an einer steht auf einem kleinen Altar das Bild eines schönen Hais, der lustig in die Sonne blinzelt - RON TIBURON, eine kubanische Rummarke wirbt mit diesem freundlichen Konterfei.

Und dann geht's auch schon los. Ulrich kehrt zurück zum Malecon, wo der Hai bereits auf ihn wartet. Er hat an einer kleinen Felsenformation an der Ufermauer angelegt, wo es Ulrich wenig Mühe bereitet, auf den Rücken des Hais zu klettern.

Der Hai schwimmt los, und Ulrich reitet auf der Flosse des weiblichen Hais mit Namen Hai durch den Atlantik am Malecon entlang. Sie teilen sich die Flasche Rum und Ulrich macht einige Fotos von den Sehenswürdigkeiten der Stadt, die man vom Wasser aus viel besser erkennen kann. Die Hotels, Häuser und Autos von Havanna gleiten vorbei wie schmelzende Eiscreme. Der Spaß, den beide haben, ist unbeschreiblich. Der Hai ist dabei trotzdem äußerst professionell, Ulrichs Kamera wird nicht nass, und er rührt den Rum kaum an, um Ulrich sicher zu befördern - für einen kubanischen Hai etwas Ungewöhnliches. Schließlich schießen sich ihre Kollegen in der Unterwasserbar „EL TIBURON FELIZ“ im Hafenbecken Havannas regelmäßig ab. Sie gelten als die trinkfestesten Fische der Karibik.

Die Sonne brennt, und weil das brillantene Meer die Augen blendet, haben Ulrich und der Hai ihre Sonnenbrillen aufgesetzt. Ulrich fragt sich, wie dieser Hai nur an diese 1A-Ray-Ban-Sonnenbrille rangekommen ist. Fehlt noch, dass er sich eine Cohiba ansteckt. Aber da kennt Ulrich die Gepflogenheiten der weiblichen Flossentiere nicht - die rauchen nämlich niemals.

Ulrich fühlt eine großartige Leichtigkeit, eine sonnige Energie seinen Körper durchfluten. Er wehrt sich nicht dagegen, und kommt so unglaublich gut drauf, wie es bisher in seinem Leben nur wenige Augenblicke gegeben hat, während seine Waden, die an den Seiten des Hais anliegen, das Wasser durchpflügen. Aus Lautsprechern, die am Malecon in der Höhe der Hafeneinfahrt, aufgestellt sind, erklingt „Guantanamera“. Dort legt der Hai an, und Ulrich steigt wieder an Land.

Mit leicht schwankenden Beinen überquert er die Straße, lässt alte Cheverolets, verbeulte Buigs und verchromte Cadillacs vorbei. Entspannte Fahrer sitzen am Steuer. 30 Jahre alte Busse, russische Militärfahrzeuge und ein Stoß stinkender Ladas fahren hintendrein. Auf der gegenüberliegenden Seite des Malecon befindet sich ein Verkaufsstand für Getränke. Dort erwirbt Ulli eine Tropi-Cola für seine neue Freundin. Die bedankt sich artig und freundlich für das erfrischende Getränk. Seit die Kanadier diese Cola nach Kuba exportieren, kommen auch karibische Haie in ihren Genuß. Die kanadischen Gewässer sind für die lustigen Schwimmer natürlich viel zu kalt. Bis Florida ist es nicht weit, dort können die Haie natürlich problemlos Cola trinken. Aber politisch ist das seit den 60er Jahren so eine Sache. Ihre Mutter hatte ihr zumindest immer gesagt, dass man als guter Hai nie nach Florida schwimmt.

Ulrich erscheint der ganze Trip für 20 US-Dollar recht günstig. Sie will damit eine Schutzcreme für die Flossen ihrer kleinen Töchter kaufen, sagt sie ihm. Da gibt der Deutsche gerne auch 25.

Da ist er, Ulrich: er lebt wieder, er hat alles vergessen, was einmal gewesen ist.

Dieser Augenblick besteht aus einer lächelnden Hai-Frau, einer Tropi-Cola in der Flosse und 25 USD, die den Besitzer wechseln, das ist alles. Im Hintergrund bietet sich die heiße Karibiksonne an, die sich mit der Musik von „Guantanamera“ und dem dunklen Röhren der alten, PS-starken Ami-Motoren mischt. Hier vorne die Hitze der Ufermauer, da hinten das Meeres mit seinen Schaumkronen und ein paar Booten und Schiffen.

Ulli ist glücklich, er summt einen Bolero, den er heute morgen im Radio gehört hat. Auf der Mauer zum Meer sitzen Menschen und Päarchen, die einander in die Augen, auf den Busen und die Hüften, auf das weite Meer oder auf die vorbeiziehen Wolken und Menschen sehen. Auf der anderen Seite der Hafeneinfahrt thront die alte Festung „El Moro“ und im Rücken derjenigen, die auf das Meer schauen, wälzt sich die Mittagssonne durch die Straßen der Altstadt von Havanna.

Der Hai hat ausgetrunken und verabschiedet sich von Ulli. Mit winkender Flosse taucht das anmutige Tier in die Tiefe des smaragdenen Meeres ab - schwimmt wahrscheinlich in einen Kosmetikshop oder kauft gut abgehangenes Matrosenfilet für die Familie.

Ulli blickt träumend auf das Meer, seine Gedanken sind ruhig und reden ihm nicht zu, irgendetwas zu tun. Da wird er gewahr, dass eine Person neben ihn getreten ist. Er blickt zur Seite und sieht in das lächelnde Gesicht eines dunkelhäutigen Herren, der mit einem hellen Leinenanzug bekleidet ist.

„Wollen Sie mit mir kommen ? Ich will ihnen etwas zeigen?“

„Was wollen Sie mir zeigen ?“, fragt Ulli zurück. Er fühlt sich wohl, glaubt den Herzschlag des Anderen fühlen zu können.

„Einen Teil unseres Lebens, der auch der Ihre ist.“

Ulli spürt das grenzenlose Vertrauen und die tiefe Sicherheit, die ihn befähigen, dem Herrn ohne Furcht zu folgen. Er weiss, dass ihm keine Gefahr droht.

Der Herr führt ihn durch einige Straßen von Habana Vieja, vorbei an alten, brüchigen Kolonialfassaden mit üppigen, schmiedeeisernen Balkonen in eine jahrhunderte alte Stadtvilla.

Der Boden des Erdgeschosses ist vollständig mit ornamentreichen Fliesen gedeckt, die Wände sind weiß gestrichen; eine Holztreppe führt in die oberen Etagen, und durch die Fenster mit den kunstvoll geschnitzten Rahmen gelangt nur wenig Licht in das Innere, da die Fensterläden beinahe ganz geschlossen sind. Vereinzelte Sonnenstrahlen verteilen sich auf den hellen Fliesen wie im Meer.

Ulli blickt an die Decke, von der an verschiedenen Stellen Glaslampen aus der Jugendstilzeit herabhängen. Der Anblick des Interieurs überwältigt ihn. Der Herr im Leinenanzug sprach bisher kaum und bittet Ulli nun, auf einem alten Holzschaukelstuhl Platz zu nehmen. Auf der gegenüberliegenden Seite steht eine alte Holzkommode an der Wand. Auf ihr thront eine schwarze Puppe, umgeben von Kerzenstummeln, Muscheln, Ketten aus einheimischen Pflanzensamen, Männer- und Frauenfiguren, einem Bild von Fidel Castro, einer kleinen kubanischen Flagge, verschiedenen Döschen, verwelkten Blumen, Gläsern mit unterschiedlichen Flüssigkeiten und noch mehr undurchschaubarem Material.

In einem offenen Fach der Kommode befindet sich ein Musikrecorder. Der Herr ist an die Kommode herangetreten und wendet Ulli den Rücken zu. Er schaltet den Recorder ein. Der bebende Rhythmus von Trommeln und Bongos setzt ein; kehlige Laute in einer Ulli unbekannten Sprache springen aus dem Lautsprecher des Musikgerätes.

Die Musik ist ursprüngliches Afrika, gemischt mit karibischen Tanz: afrokubanische Musik, so glaubt der deutsche Tourist. Aus dem Halbdunkel einer Zimmerecke, der Ulli bis dahin keine Beachtung geschenkt hatte, löst sich eine schöne Mulattin, die bisher auf einem anderen Schaukelstuhl gesessen hatte. Sie bewegt sich in die Mitte des Raumes hinein, geradewegs zwischen Ulli und der Kommode. Sie tanzt zur Musik. Die Musik braust davon wie ein Sturm auf dem Meer, der die kaffebraune Schönheit mitreißt, die ihren Körper den Wellen preisgibt. Sie tanzt in den Stakkatos der Trommeln und beim Blick in ihre dunklen und glänzenden Augen erkennt Ulli, dass sie nicht mehr wirklich zugegen ist, sondern in Trance und Ekstase den Ausdruck von etwas Anderem wiedergibt.

Die Frau öffnet eine Flasche Rum, nimmt einen Schluck und spuckt ihn dann in das Gesicht der schwarzen Puppe auf der Kommode. Sie nimmt einen weiteren Schluck und kommt auf Ulli zu. Sie beugt sich zu ihm herab, während sie weiter tanzt und nähert ihren Mund dem seinigen. Als ihre Lippen sich berühren öffnet Ulli den Mund und schon ergießt sich die seidenweich brennende Flüssigkeit aus ihrem auf seinen Gaumen. Sie schwenkt um, und wieder schüttelt sie ihren Körper im Bongofeuer der Musik.

Ulli weiß nicht wie, aber er hält die Rumflasche in der Hand und nimmt einen kräftigen Zug. Er setzt sich eine alte orangefarbene Baseballmütze auf, die wie aus dem Nichts vor ihm auftaucht, und erhebt sich langsam. Während seine Hautfarbe abzudunkeln scheint, tanzt auch er einen Tanz wie noch keinen zuvor.

Er spürt, dass er da ist; dass er wirklich da ist; mit seinen Sinnen, seinem Geist, seinem Körper in diesem Raum - in einer Umgebung, der er und die ihm vertraut. Fragen, Zweifel und Unsicherheiten, die wie eine dauernd in Bereitschaft stehende Kampftruppe darauf brennen, wieder von seinem Denken Besitz zu ergreifen, haben hier keine Chance. Er tanzt, was er ist und gibt, was er hat. Er kann nichts verlieren.

Und als er aus dieser Trance zu erwachen scheint, stellt er fest, dass es gar keine Trance war, sondern pures leben seines Lebens - wach, bereit und entschlossen.

Er stellt fest, dass er nicht nachdenkt, nicht versucht, die Situation rational zu verstehen, dass sein Verstand ihn unterstützt statt ihn zu torpedieren.

Der Augenblick ist alles und Liebe ist der Schlüssel. Ulli verspürt Liebe zu sich selbst . Da spürt er gleich darauf, dass er auch alles andere liebt, was da ist - es ist Kuba, es ist Deutschland, es ist der luftleere Raum über dem Himmel.

Er sieht sich um: die Altstadtvilla ist immer noch da. Es wirkt auf seine Augen alles bunter, intensiver, mit dem Zauber des Lebens benetzt. Doch es ist niemand mehr zu sehen - die Frau ist weg, der Herr im Leinenanzug ist weg, die Musik hat aufgehört.  Von draußen dringen die Geräusche von parlierenden Menschen, von zuckenden Motoren und von Vogelgezwitscher in das Innere des abgedunkelten Hauses. Die Fensterläden sind beinahe vollständig geschlossen. Nur das leichte Licht des Nachmittags dringt immer noch durch einzelne Ritzen des müden Holzes der Läden und hinterlässt auf den Fliesen Spuren.

Ulli öffnet die Türe, die nach draußen führt - sie ist nicht verschlossen. Bevor er über die Schwelle in das Treiben der Gasse treten kann, lässt ihn ein Geräusch herumfahren. Rhythmisch und spielerisch hüpft eine metallerne Kugel die Holztreppe hinab - plong, plong, plong - und rollt vor seinen Füßen aus. Nach einem verhaltenen Zögern nimmt er sie auf, sieht sie an. Die Kugel ist rundherum chromfarben und schwer. Sie enthält die verzerrende Abbildung eines grinsenden dunkelhäutigen Gesichtes. Es erinnert an den Herrn im Leinenanzug. Darüber steht Vive cada momento (lebe jeden Augenblick).

Er will zunächst etwas rufen, besinnt sich aber und lacht statt dessen. Er wirft die Tür hinter sich zu und lässt die Kugel, die so warm ist wie die karibische Sonne, in seiner Hosentasche verschwinden.

Die Gasse ist voller Menschen. Die meisten von ihnen sind dunkelhäutig. Viele grinsen, offenbar grundlos, in die Straße hinein. Ullis Augen sind groß und klar. Die Menschen sind  freundlich, scheinen gut gelaunt und unbeschwert. An einer Ecke kauft er eine Süßigkeit aus Erdnüssen und Schokolade. Während der köstliche Dessert Ullis Gaumen hinab schäumt, kommt ihm das Meer in den Sinn.

Also entschließt sich Ulli, an den Strand zu fahren.

Schon steht ein Taxi bereit, in das er einsteigt. Er handelt mit dem Fahrer einen fairen Fahrpreis aus. Wie einfach das gehen kann, wenn man ruhig ist ! Und keine Angst hat, beschissen zu werden. Und nicht unterstellt, dass alle einem nur ans Leder wollen.

Als der Fahrer losfährt, spürt Ulli wie diese Gedanken in ihm hochsteigen, ganz heimlich wie ein Einbrecher: Vorurteile, Ängste, Sicherheitsmaßnahmen. Doch er schenkt ihnen keine Beachtung. Auf Vorurteilen ist es glatt. Schnell rutscht man aus und stürzt in Hundescheiße. Wer will sowas schon?

Hier gleiten jetzt die Häuser des Malecon vorbei wie früher im Film, dann der Tunnel, der unter der Hafeneinfahrt durchführt. Nur für eine halbe Minute, den der Wagen für den Tunnel braucht, unterbricht die Salsamusik aus dem Radio, dann läuft sie wieder weiter - für Ulli, einen von 1,8 Millionen Touristen im Jahr - während die karibische Sonne den Autolack leckt und die Palmwedel im Wind ihm vom Straßenrand zuwinken.

Als er dann am Strand einen Cocktail trinkt und die Frau seines Lebens kennenlernt - sie kommt aus Dresden -, glaubt Ulli nicht an Zufall, aber auch nicht an Fügung, sondern nur daran, dass das Leben wundervoll ist, wenn er es nur lebt.

Aber wie hat Ulli das eigentlich gemerkt ? Ich weiß es auch nicht. Aber an und für sich ist es ja ganz leicht; so ähnlich wie ein Flugticket kaufen. Die Herausforderung ist, sich nicht von den vielen unwichtigen Dinge davon abhalten zu lassen.