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Ich weiß alles

ICH WEIß ALLES !!!

Ich ging aus dem Haus und hatte das Bedürfnis, etwas Sinnvolles zu tun. Wie langweilig waren doch alle! Tritte auf Asphalt, Schleichen über staubige Straßen, bis mir eine Menschenmenge auffiel, die sich auf einem großen Platz versammelt hatte.

Was wollen die alle hier?, fragte ich mich und ging auf die Masse zu. Sie hatte sich ringförmig um ein Zentrum aufgestellt; das blieb frei, ich konnte es aber nicht erkennen. Ich bin zwar groß wie jeder sehen kann, trotzdem konnte ich über die Menge nicht hinwegblicken. Also ging ich näher heran, um den Sinn dieser albernen Ansammlung zu klären. Die Menschen verhielten sich unnatürlich ruhig, als hätte die Spannung ihnen die Kehlen zugeschnürt. Das waren doch alles Kinder, die auf die Bescherung warteten - wie töricht die Masse doch ist! Sie schienen alle zu wissen, was sie erwartete - nur ich wußte es nicht - was für ein Pack! Als ich in ihre Reihen trat, sah ich in ihre Gesichter; ernst, ihre Blicke erwartungshungrig nach vorne gerichtet. Sie sprachen nicht und schenkten auch dem Nebenmann, der dichtgedrängt daneben stand, keine Beachtung. Obwohl ich mich weiter vorwärtsdrückte, konnte ich das Zentrum immer noch nicht ausmachen. Alle warteten, still, ohne Gier, in Erwartung irgendeiner Zeremonie - haben die sie noch alle?

Ich schob den nächsten sanft beiseite, damit ich mehr sehen konnte. Er wich zur Seite, und ich konnte vor ihn treten. Auch die folgende Person machte mir Platz. Schon konnte ich einen weiteren Schritt nach vorne machen, doch ich sah noch immer nichts. Nach und nach arbeitete ich mich weiter voran. Wenig später war es soweit: ich war in der ersten Reihe angelangt.

Folgendes Bild bot sich mir: Die Menge hatte in Form eines Halbkreises eine Bühne umstellt. Diese war aus Stahlelementen zusammengebaut mit Treppen an den Seiten. Kein Mensch war auf ihr oder in ihrer unmittelbaren Nähe zu sehen. Die Menschen hielten einen Abstand von einigen Metern ohne jede Absperrung ein.

Ich wartete rund eine Viertel Stunde, es veränderte sich nichts. Die Menschen blickten erwartungsvoll und stumm in die Mitte.

Ich hatte die Schnauze voll. Was sollte ich hier meine Zeit vergeuden? Es muß jetzt was geschehen - also verließ ich den Kreis und ging auf die Bühne zu. Vor der Mitte blieb ich stehen - keiner hinderte mich. In meinem Rücken war kein Geräusch zu hören, nur das stumme Atmen der Masse, ihre unmerklichen Bewegungen - keiner rief mir zu.

Ich wendete mich einer der Treppen zu und ging hinauf. Ich betrat die Mitte der Bühne und sah in die Menge. Jede und jeder blickte mich an. Ich sah, daß sie darauf warteten, daß ich sprach. Ja - das wollte ich gerne tun, was sind das alles für ferngesteuerte Idioten!

Also sprach ich zu ihnen über die Freiheit. Sie nahmen aber ihre Personaldokumente hervor und entfachten damit ein Feuer. Dann hielt ich eine flammende Rede über die Liebe. Sie nahmen aber gebrauchte Kondome und Damenbinden und warfen sie auf die Bühne. Ich ließ nicht locker und beschwor daraufhin den Tod in vielen Bildern. Doch sie sammelten den Dreck vom Boden und bewarfen mich damit. Ich erklärte ihnen die Vorteile der Technik und sie beschmissen mich mit ihren Brillen und dritten Zähnen.

Jetzt wußte ich, daß sie reif waren, die Bühne niederzureißen. Es hatten sich erste Tumulte gebildet. Einige drohten mir, andere hielten sie zurück. Zwischen ihnen brach Streit aus. Einer begann und rannte die Treppe hinauf. Er wollte mich vertreiben, doch ich schlug ihn  nieder - haha, wäre doch gelacht. Das teilte die Masse: einige jubelten, andere drohten. Diese riefen: "Du bist ein aufgeblasenes Schwein". Ich antwortete: "Ihr seid zu dumm, mich auszuschalten!"

Plötzlich fingen alle an zu lachen, sie prusteten und schlugen sich gegenseitig auf die Schenkel. Einer war noch in der Lage zu sprechen. Er sagte: "Alle Redner sind lächerlich so wie Du. Ihr seid wie unsere Kotze. Nur schnell den Bach runter damit."

Als ich von der Bühne ging, nahm keiner Notiz von mir. Ich sah wohl, daß meine Erfüllung nicht in der Bewunderung der Anderen liegen kann. Sie lachten weiter, und ich spürte, daß auch in meinem Herzen Freude aufkam - grundlos wie mir schien. Aber wahrscheinlich, weil ich begriff, daß ich niemand Besonderes bin - der Besondere, der es sich herausnimmt, auf Andere mit Verachtung herunter zu blicken. Es ist eine Erleichterung festzustellen, daß man gar nicht anders ist als Andere.