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Fremder Herr

EIN FREMDER HERR

Ich verließ morgens meine Wohnung, um ins Büro zu fahren. Ich war nervös, denn heute war ein wichtiger Tag - die Organisation meiner Zukunft stand auf dem Programm.

Da ich in Zeitdruck war, fragte ich den ersten Menschen, dem ich begegnete, nach der Zeit.

Warum mich das interessiere, fragte der Herr zurück. Ich ignorierte die Frage und präzisierte mein Begehren:

"Ich möchte die Uhrzeit wissen. Hallo ! Tragen Sie eine Uhr? Wenn ja, sagen Sie mir bitte, wie spät es jetzt ist?"

Ich betonte die Worte als spräche ich zu einem Schwerhörigen. Er sah mich wortlos an, und nun wurde ich doch etwas ungehalten. Ich hatte keine Lust, mich von irgendeinem am frühen Morgen verarschen zu lassen. Außerdem haben mich solche Blödmänner schon seit jeher gereizt. Nur deshalb ging ich nicht gleich weiter. Ich gab mir Mühe, besonders herablassend zu reden:

"Ich muß wissen, wie spät es ist. Ich habe heute entscheidende geschäftliche Termine, verstehen Sie? Das ganze Leben besteht aus Terminen: um acht Uhr läuft WM im Fernsehen, der Bus fährt immer um 5 nach, die Geschäfte schließen um halb 7, die Behörden haben montags von 9 bis 13 Uhr geöffnet. Und wieviel Uhr haben wir jetzt?", fragte ich ihn abschließend wie einen Debilen.

"Sie brauchen sich nicht zu täuschen", erwiderte er sachlich, "ich weiß, was Sie von mir hören wollen". Hätte mich auch gewundert, wenn nicht, dachte ich, ist ja nicht so schwer.

Nun fing er weiter an zu reden: "Ich komme nicht aus Ihnen bekannten Gegenden, ich lebe auch nicht in Städten. Ich richte mich vor allem nicht nach Zeigern, die sich auf Zifferblättern bewegen - Zahlen sind meine Sklaven, nicht umgekehrt". Jetzt erzählt er sein Leben, dachte ich. Ich sah unwillkürlich auf mein linkes Handgelenk, wo die Uhr fehlte, die ich sonst immer trug. Man hatte sie mir im Freibad am Wochenende geklaut. Teures Stück, Cartier, kleines Vermögen, sehr ärgerlich. Ich sagte unwirsch:

"Gut, wie Sie meinen. Sie stehlen mir die Zeit. Ich habe wirklich Wichtigeres zu tun, als mir solch einen Unsinn anzuhören, mit Verlaub." Ich hatte gelernt, zu jedem zumindest der Form halber höflich zu sein."Ich werde jemand anderen fragen. Auf Wiedersehen."

"Ich beantworte Ihre Frage noch; wenn auch anders, als Sie meinen", rief dieser Spinner hinter mir her. ”Ihre Eile nützt Ihnen gar nichts. Sie bleiben ein Sklave Ihrer Zeit".

Was für ein Vollidiot, dieser Penner, dachte ich. Ich muß mich um Bedeutenderes kümmern. Dass ich ihm überhaupt so lange zugehört hatte, wurmte mich plötzlich. Aber der merkt wahrscheinlich sowieso nichts mehr.

An einer roten Ampel sah ich, wie ein Taxi zum Halten kam. Ich öffnete den Wagenschlag, fragte pro forma "Sind Sie frei?"und sprang hinein.

"Rathausmarkt", nannte ich mein Fahrziel. Ich war hinten eingestiegen und beugte mich nun nach vorne, um die Uhrzeit im Armaturenbrett lesen zu können. Ich sah, dass beide Zeiger auf zwölf standen. In den alten Benzen ist die Uhr auch früher immer ausgefallen, sagte ich zu mir und dachte an meinen alten Strich-Achter, den ich vor langer Zeit fuhr. Ich wollte um halb 9 im Büro sein. Schätzungsweise hatte ich noch 20 Minuten Zeit.

"Bitte beilen Sie sich. Ich habe es sehr eilig. Können Sie mir sagen, wie spät es ist?". Der Fahrer saß ungerührt auf seinem Fahrersitz. Er fuhr los, antwortete aber nicht. Also wiederholte ich meine Frage. Er antwortet immer noch nicht und ich dachte: Das darf doch wohl nicht wahr sein, schon wieder so ein Schwachkopf. Und jetzt kriecht der auch noch mit elenden 40 hier lang, obwohl die Straße frei ist.

"Fahren Sie doch bitte zu !", knurrte ich ihn an, "ich habe einen äußerst wichtigen Termin".

Beim Blick in seinen Rückspiegel sah ich, dass seine Augen starr nach vorne gerichtet waren. Nun gab er ein bisschen Gas, und ich schloß daraus, dass er mich verstanden hatte."Na also, geht doch", sagte ich vernehmbar für ihn. Manchmal trifft man auf komische Taxifahrer. Da ich aber öfters fuhr, war mir das bekannt.

Ich werde in jedem Fall vor 9 da sein, war ich mir sicher. Das Geschäft werden wir zum Abschluß bringen. Ich schloß für ein paar Sekunden die Augen und spielte noch einmal verschiedene Argumentationsschritte und Gesprächssituationen durch. Es ging um einen wirklich wichtigen Geschäftsabschluß heute, der uns einen fetten Umsatz bescheren würde. Der langjährige, bis dato wenig ertragreiche Kontakt und das gute Verhältnis zu diesem Kunden würden sich endlich auszahlen. Es ging um die exklusive Vermarktung eines neuen Produktes, das Millionenumsätze versprach. Heute standen die entscheidenden Verhandlungen auf dem Programm, letzte Details mußten noch vereinbart werden und schließlich sollte heute die Unterzeichnung des Vertragswerkes erfolgen.

Mit dem erfolgreichen Abschluß würde es auch einen neuen Geschäftswagen geben - den neuesten BMW der 1A-Klasse, mit bestem Equipment, versteht sich - ein Traumauto.

Ich habe mich auch schon nach den absoluten Neuerungen auf dem Musikmarkt umgesehen. Ich brauche mal wieder eine neue Endstufe und die Ausstattung mit den neuesten Erzeugnissen der Unterhaltungselektronik würde mir altem HiFi-Freak besonders viel Spaß machen.

Ich hatte bei diesen Gedanken die Motorengeräusche und das Vorbeiwischen der anderen Fahrzeuge kaum wahrgenommen. Nun öffnete ich die Augen und blickte aus dem Fenster. Wir fuhren durch Wohnstraßen, die ich noch nie gesehen hatte. Er fährt wohl einen Schleichweg, dachte ich und war zufrieden. Trotzdem wiederholte ich meine Bitte noch einmal:

"Beeilen Sie sich bitte! Es geht für mich um Einiges. Es soll Ihr Schaden nicht sein."

Ich begegnete seinen Augen im Rückspiegel. Mich traf ein Laserstrahl; ich mußte sofort beiseite sehen. Tja, ich wußte ja eigentlich, dass man Taxifahrern nicht ständig erzählen soll, wie sie zu fahren haben. Er gab keinen Ton von sich, aber er fuhr jetzt noch zügiger - und das war mir sehr recht. Man kann sich doch immer auf diese Männer verlassen.

Jetzt änderte sich die Bebauung, wir fuhren an einzelnen Reihenhäusern vorbei, die in eine gepflegte Ein- bis Zweifamilienhaussiedlung mündeten. Wo der wohl langfährt? Ich kannte mich wirklich nicht gut in Hamburg aus - wenn der Stendahl bloß nicht im letzten Moment umfällt und ihm unser Preis doch zu hoch ist, der hat sich darüber ja beschwert - ich mußte auf jeden Fall noch einmal mit Dieter reden, bevor der Stendahl um neun kommt - manchmal ganz schön stressig, die Selbständigkeit - wo fährt der eigentlich lang? Moment, verdammt, hier bin ich noch nie in meinem Leben gewesen. Ich wurde von einer Sekunde zur anderen nervös; die Zeiger der Uhr im Armaturenbrett standen immer noch auf zwölf.

"Entschuldigen Sie", sagte ich höflich, "wo fahren Sie lang? Hier bin ich in meinem Leben noch niemals gewesen. Mir scheint das nicht der direkteste Weg zu sein. Wie lang brauchen wir noch bis zum Rathausmarkt ?"

Meine Fragen wurden von den Schonbezügen der Sitze aufgesogen und von den Fahrgeräuschen abgelöst. Eine Antwort des Fahrers blieb auch weiterhin aus. Langsam wurde ich doch ungeduldig und ärgerlich:

"Nun machen Sie doch den Mund auf ! Sind Sie taubstumm oder was ? Was versprechen Sie sich von dem Unsinn ? Das Wort Regresspflichtig kennen Sie ja wohl !"

Während der Fahrer ungerührt nach vorne blickte und seine Geschwindigkeit - um die 55 km/h - etwas verlangsamte, schaute ich unwillkürlich aus den Seitenscheiben und sah, dass wir mittlerweile durch ein altes Industriegebiet fuhren; rechts und links der Fahrbahn standen Lagerschuppen. Im Moment überquerten wir einen kleinen Kanal. Wir befanden uns irgendwo in der Gegend alter Industriekanäle, denn wir waren auch schon ein paar Mal über kleinere Brücken gefahren. Mir wurde etwas mulmig. Vielleicht war der Typ am Steuer ein Psychopath oder ein Krimineller, der mir ans Leder will. Obwohl es hellster Tag war, begegneten wir auf den Straßen kaum Fahrzeugen. Da erblickte ich an einer Straßenecke eine Telefonzelle.

"Los, halten Sie sofort an ! Ich will hier aussteigen !" brüllte ich, wobei ich schon ein wenig die Fassung verlor. Es schien mir eigentlich unsinnig zu erwarten, dass der Knabe seinen Wagen tatsächlich anhielt. Schon zuckte die Vorstellung durch mein Gehirn, aus dem nunmehr nur noch 30 km/h schnellen Wagen hinaus zu hechten, als er es tat. Der Fahrer trat auf die Bremse und brachte den Wagen wortlos zum Stillstand. Meine Überraschung hinderte mich einen Augenblick, dann warf ich einen Fünfziger nach vorne - die Taxiuhr zeigte 32,40 -, wartete nicht auf das Wechselgeld und sprang eiligst aus der Droschke. Kaum hatte ich die Wagentür zugeworfen, fuhr der Wagen zügig davon. Wie in einem Western mußte ich ein wenig von dem aufgewirbelten Staub schlucken.

Ich fühlte mich erleichtert. Heute sind nur Bekloppte unterwegs, sagte ich mir und schritt auf die Telefonzelle zu. Dass solche Leute überhaupt frei rumlaufen dürfen. Ich wollte dringend meinen Kollegen Dieter erreichen, damit er dem Kunden irgendeinen Grund für meine Verspätung nennen könnte. Herzattacke meiner Oma oder brennende Vororte oder irgendetwas anderes. Werde es gleich mit ihm besprechen.

Ich steckte meine Telefonkarte in den Apparat und nahm den Hörer ab. Es tat sich gar nichts - kein Freizeichen, nicht das leiseste Piepen aus der Muschel. Auch zeigte die Anzeige nicht den DM-Kartenbetrag an. Ich drückte auf den kleinen silbernen Knopf, um die Karte nach der Ausgabe noch einmal einzuschieben. Aber das Scheißding rückte sie nicht wieder raus.

"Na, warte, du Scheißgerät, nicht mit mir", schrie ich das Telefon an und schlug wiederholt brutal vor den Kasten. Tatsächlich kam die Karte etwas hervor und ich konnte sie mit Gewalt herausziehen. Damit gab ich der Plastikkarte aber den Rest. Als ich sie endlich in der Hand hielt, war sie geknickt und an mehreren Stellen eingerissen. Meine einzige Telefonkarte war damit unbrauchbar.

Mein Herz pumpte wie ein Wilder Blut in meinen Kopf, der Schweiß drang in Fontänen aus meinem Körper, ich verlor fast die Besinnung. Mir traten schließlich die Tränen in die Augen und ich schrie wie beim jüngsten Gericht:

"Das kann nicht wahr sein. Gebt mir eine Wumme. Ich knall sie alle ab! Zuerst den Taxifahrer, dann spreng ich die Telekom in die Luft und dann schnall ich diesen Wixer von heute früh auf den Grill - solche Schweine, wofür habe ich mein Leben lang gearbeitet ? Ich mach euch kalt. Ich bin doch nicht der Arsch für diese Spritzgesichter." Ich sah meine schönen, weichen, sanften und goldenen Felle die Elbe abgehen und auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Ich stand immer noch in der Zelle, trat jetzt heraus und versuchte mich zu beruhigen.

Erstaunlicherweise gab es hier kaum Auto- und Lieferverkehr, um mich herum standen alte Schuppen, altes Kopfsteinpflaster bedeckte den Boden, da und dort ging es auf ein Werksgelände. Die ganze Gegend war ausgestorben - kein Mensch war zu sehen. Ich schaute in meinen Rücken, nach links, nach vorne und wieder nach rechts auf die Straße. Da sah ich in ca. 100 Meter Entfernung einen Herrn in einem edlen Anzug auf einen nagelneuen BMW zusteuern, der am Straßenrand parkte. Der Wagen wirkte unpassend zwischen diesen Industrieruinen. Dieser Gedanke durchzuckte mich kurz und viel unpräziser als dieser: Der Typ hat bestimmt ein Funktelefon. Ich sprintete hinter ihm her wie früher bei den Leichtathletikmeisterschaften und rief ihn mit schwankender Stimme an:

"Hallo. Entschuldigen Sie ! Bleiben Sie bitte stehen ! Ich bin in einer Notlage."

Der Herr blieb stehen. Er drehte sich aber nicht um, um zu sehen, wer da ruft. Schon hatte ich ihn erreicht und sprach ihn kurzatmig von der Seite an:

"Tut mir leid, Sie hier so anzuschreien. Aber ich bin in kolossaler Eile. Ich muß dringend geschäftlich telefonieren. Sie verstehen das ja sicher. Sie sind ja auch Geschäftsmann. Ich habe eine äußerst wichtigen Termin. Haben Sie ein Handy ? Müssen Sie auch in die Innenstadt ? Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mich bis zum nächsten Taxistand mitnehmen könnten."

Der Herr drehte sich zu mir um und sagte:

"Das tut mir leid. Ich besitze kein Funk- noch sonst ein Telefon. Das ist auch nicht mein BMW, sollten Sie das so wahrgenommen haben."

Gebannt blickte ich ihn an. Das war nicht möglich. Oder sah er nur so aus ? Das gab es doch nicht. Ich war bewegungslos und schockiert. Nicht, weil ich keinen Ausweg mehr sah, meinen Geschäftspartner zu erreichen.  Daran dachte ich in dem Moment, als ich den Mann ansah, überhaupt nicht. Es wich zurück in eine vernebelte Vergangenheit, so schien mir. Ich starrte den Mann an, ohne ein Wort noch herauszubringen.

Dieser Herr trug einen maßgeschneiderten Anzug aus edelstem Stoff. Während ich zu ihm aufblickte - er war größer und kräftiger als ich - , schwieg er und sah mich aus ruhigen und dunklen Augen an. Die Frisur lag exzellent auf seinem großen Schädel und die schwarzen Schuhe glänzten wie ich aus den Augenwinkeln wahrnahm.

Der Wind strich leicht zwischen unsere Anzügen hindurch. Endlich löste ich meinen Blick von ihm und sah kurz nach oben. Es war ein warmer Spätsommertag, an dem man am besten mit seiner Geliebten am Strand spazierengeht oder sie in einem Strandkorb befummelt. Der Himmel war hellblau. Ihn durchquerten leichte Wolkenhügel.

Ich konnte wieder sprechen:

"Was machen Sie hier ? Was wollen Sie denn ? Wie kommen Sie überhaupt...?"

Alles Fragen erschien mir lächerlich, und das war es wohl auch. Ich befand mich ohne Zweifel in dieser Welt: ein modriger Geruch wehte von der Elbe herüber, der BMW hatte ein Hamburger Kennzeichen und auf dem Gehsteig vor mir lag eine zusammengedrückte Dose Astra-Export.

Das war zwar alles so, aber dennoch war ich in ein Spiel geraten, dessen Regeln ich nicht kannte.

Vor mir stand der gleiche Mann, den ich vor vielleicht 20 Minuten, kurz von meiner Haustür entfernt, nach der Uhrzeit gefragt hatte und der mir so bescheuert geantwortet hatte.

"Sie sehen, wohin Sie das führt, wenn Sie sich zum Knecht der Zeit machen, wenn sie Ihnen ihren Rhythmus diktiert ? Sie sind schweißbedeckt, Ihr Anzug ist dreckig, auch ihre Schuhe, Ihre Krawatte ist verrutscht, vor Aufregung haben Sie jetzt einen beißenden Mundgeruch, und alles in allem wirken Sie nicht sonderlich souverän. Nicht so souverän, wie Sie gern wollten, um Ihr wichtiges Geschäft abschließen zu können."

Er zuckte mit den Lippen, vielleicht so etwas wie ein Grinsen. Seine schweren Augenbrauen beschatteten seine Augen. Darin war nichts zu sehen.

Ich zitterte mit allen Muskeln - er mußte es merken - was hat der gesagt ? Das kann kaum angehen.

"Was wissen Sie von dem Geschäft ?", brachte ich krächzend hervor.

Er reagierte nicht darauf.

"Ich pflege ein Gespräch, das ich einmal anfange, auch bis zu einem sinnvollen Punkt zu führen", fuhr er in einem etwas schärferen Ton fort."Sie vertraten eine andere Auffassung und waren daran zunächst nicht interessiert. Sie hatten nur Ihren Geschäftsabschluß im Kopf, der in jenem Moment noch gar nicht anstand. Aber ich sehe, Sie sind jetzt aufgeschlossener für ein sinnvolles Gespräch, das sich nicht nur in der Albernheit, nach der Uhrzeit zu fragen, erschöpft. Andernfalls wären Sie ja wohl nicht hier ".

Ich starrte ihn wieder an, ohne etwas zu sagen. Unsinnige Fragen durchzogen mein Gehirn: Wie kommt der hierher ? Wie konnte der sich so schnell umziehen ? Ganz schön dreist der... Der Mann musterte mich eindringlich; seine Augen waren tiefschwarz genau wie sein Haar, es war weiter keine Regung in ihnen zu erkennen.

"Sie setzen die Zeit nicht für sich ein, sondern lassen sich hetzen von ihr. Sie schaffen Ihre Zeit oder besser eine Vorstellung davon und lassen sich von ihr in den Tod treiben. Sie können nicht mehr stillhalten, sondern unterjochen sich dem fremden Rhythmus, den Sie erst erzeugt haben. Sie lassen sich peitschten und wundern sich, dass Sie mehr und mehr Schmerzen und Verspannungen bekommen und sogar noch unzufriedener werden.

Ein Tag ist für Sie verloren, wenn die Zeit desselben nicht produktiv ausgefüllt wurde. Produktiv heißt Umsatz und Geschäfte machen, Planungen anstellen. Kontakte pflegen, Aktien handeln. Müßiggang ist nur am Sonntag erlaubt - wenn überhaupt."

Er stand unbeweglich vor mir, während mir ganz heiß wurde. Ich lockerte unwillkürlich meine Krawatte und wischte mir mit dem Handrücken über die Stirn. Sein Anzug saß tadellos, und er schwitzte kein bisschen.

Mir wurde etwas übel. Ich spürte ein Würgen im Hals. Der Kopf dröhnte voller zusammenpurzelnder Gedanken. Ich sträubte mich gegen diese absurde Situation, in die ich geraten war. Ich merkte gleichzeitig, dass das keinen Sinn machte. Mein Blick war wie hypnotisiert auf seine schwarzen Augen gerichtet, ich nahm keine Bewegung um mich herum wahr. Lediglich das entfernte Hämmern irgendeines Industriebetriebs drang an meine Ohren - ich war diesem Herrn völlig ausgeliefert.

"Begleiten Sie mich in diesen Schuppen da vorne. Dort können wir es uns bequem machen. Vielleicht gelingt es Ihnen, sich ein wenig zu entspannen", sagte er und durch mein Hirn zuckten die Worte „Entspannen - so ein Blödsinn“, die aber kaum dass sie gedacht waren durch den Satz „Entspannung - ja das tut mir gut“ übermalt wurden.

Also folgte ich ihm willenlos von der Straße auf ein Industriegelände, zwischen ein paar Gebäuden hindurch zu einer kleinen Lagerhalle. Die Tür war nicht verschlossen, was mich wohl normalerweise gewundert hätte. Durch die Decke fiel kein Licht. Die Halle hatte offenbar nur wenige Fenster. Der hintere Teil des Schuppens lag in einem düsteren Halbdunkel. Es schien mir ein Magazin für Maschinenteile zu sein, die in Stahlregalen lagerten. Im vorderen Bereich der Halle kurz hinter dem Eingang standen zwei schwarze Ledersessel. Etwas dahinter lungerten ein Gabelstapler und eine Hebekarre herum. Sie wirkten so, als seien sie nur für ein paar Sekunden dort abgestellt worden.

Der fremde Herr ließ die Tür etwas offen, wodurch der vordere Bereich bis zu dem Gabelstapler erhellt wurde. Kaum waren wir eingetreten sagte er:

"Nehmen Sie doch bitte Platz. Bitte auf dem rechten Sessel.", sagte er in einem ausgesucht höflichen, ein wenig scherzhaftem Ton.

"Möchten Sie rauchen ?", fügte er hinzu und reichte mir ein Päckchen unbekannter Marke. Ich nahm ein Zigarette und zündete sie mir an. Er schwieg solange. Sie schmeckte etwas nach Kohle. Wahrscheinlich ein ausländisches Kraut, dachte ich, während ich mich in den Sessel zurücksinken ließ.

Ich dachte an nichts und doch an alles - die Situation war krank und spannend zugleich. Ich bemerkte langsam, während ich den Rauch inhalierte, dass es wenig Sinn machte, sich gegen die momentanen Begebenheiten zu sträuben. Ich saß hier mit dem Herrn - und vielleicht hatte diese Absurdität etwas Gutes.

"Gut oder schlecht - Sie brauchen unsere Begegnung nicht einzuordnen. Nehmen Sie sie wie sie ist - eine Zusammentreffen, das jedem nutzen kann."

Wir saßen einander gegenüber und rauchten. Nach einer Weile, in der er mich nicht aus den Augen ließ, fuhr er fort:

"Sie brauchen sich jetzt nicht weiter in Schweigen zu hüllen. Nach Ihrer Definition verlieren Sie dadurch ohnehin nur Zeit.“ Ich sehe, Sie haben einige Fragen. Stellen Sie sie doch !".

Jetzt war ich also an der Reihe. Was will der, fragte ich mich noch selber um im nächsten Moment loszulegen:

"Was wollen Sie von mir? Wer sind Sie und für wen arbeiten Sie? Wollen Sie mich entführen?"

"Das sind eine Reihe von Fragen, die Sie sich zum Teil selbst beantworten müssen. Ich möchte Ihnen davon berichten, was meine Arbeit prägt.

Viel wird darüber gemutmaßt, ob der Mensch gut oder böse ist. Was heißt das überhaupt - gut und böse? Wie kann man das bestimmen und werten? Sie reden gerne von moralischen Werten und Normen. Wer davon abweicht, ist böse. Wer sie übererfüllt, ist gut. Ganze Bibliotheken sind bei Ihnen mit diesen Themen gefüllt.

Doch das ist alles völliger Unsinn. Der Mensch ist gut wie er ist, solange er so ist, wie er ist. Tatsache ist aber, dass er sich sehr weit von seiner persönlichen Natur entfernt hat. Das raubt ihm die Chance potentieller Göttlichkeit und Vollkommenheit. Die kann er erreichen, wenn er das lebt, was in ihm angelegt ist. Wenn er sein Potential ausschöpft und wenn er wirklich wahrnimmt, dass er nicht alleine auf der Welt ist. Wo das nicht gelebt wird, muß der freibleibende Platz anders ausgefüllt werden. Tja, und je weniger Sie Ihr Leben leben oder anderen dabei helfen, es zu tun, desto mehr quält es Sie, sie werden aggressiv, haben Mordgedanken, und wollen andere quälen, um Ihre eigene Qual zu lindern. Sie begreifen nicht mehr, dass die Göttlichkeit in jedem Augenblick existiert und um Sie herum, ja sogar in Ihnen ist.

Sie entziehen sich diesem durch die Konstruktion der Zeit. Damit rechtfertigen Sie es, dass Sie nicht Ihr Leben leben, so wie es Ihr Innerstes verlangt, unabhängig von Normen, Vorstellungen und Erwartungen. Doch das kann kein Erfolg haben, das dürften Sie einsehen - im Gegenteil: Ihre Qual wird gesteigert. Sie geben alles aus der Hand, Ihre Souveränität, Ihre Autorität und Ihre Kraft. Sie übertragen diese Fähigkeiten auf einen Time-Table, der täglich die 24-züngige Stundenpeitsche schwingt."

Er machte eine Pause, als wartete er darauf, dass ich mich äußerte. Ich hatte ihm genau zugehört und wollte mich auf das Gespräch, erschien es mir rational auch noch so schwachsinnig, einlassen. Davon versprach ich mir auch, möglichst schnell und ungeschoren hier wieder heraus zu kommen. Deshalb reagierte ich auf seine Sprechpause recht zügig:

"Ich kann Ihnen da nicht ganz zustimmen. Auch wenn ich das Beste für mich tue, brauche ich doch die Zeit." Ich sagte das, ohne viel nachzudenken. Ich hatte mich noch nie mit derartig unwichtigen Dingen auseinandergesetzt. Ein ähnliches Gefühl wie am Morgen trat wieder ein: das ist doch das Gerede eines Schwachsinnigen! Aber jetzt war das nicht mehr so ausgeprägt.

Er donnerte zwischen die Blitze meiner Gedanken:

"Als ob Sie dem nach Ihren Vorstellungen Gutem eine Chance geben würden. Lächerlich!! Sie verhalten sich nicht danach, was gut und was schlecht für Sie und andere ist, sondern danach, was Ihre Zeitskala zuläßt. Sie würden jeden Penner auf der Straße verrecken lassen, wenn Sie einen Termin hätten - und wenn es nur darum ginge, ein Zeitungsabonnement persönlich zu kündigen. Das, was nach Ihren Vorstellungen Böse ist, hat nur eine Chance, weil Sie sie ihm erst einräumen. Die Konstruktion der Zeit hilft Ihnen dabei. Weil es aber ein Faktum ist, dass die Menschen sich und andere quälen, gibt es mich. Ich bin der Saubermann und vielleicht lernen sie ja noch, wenn eigentlich alles schon zu spät ist."

Verwirrt fragte ich nach:

"Was machen Sie denn beruflich?"

Er lächelte jetzt ein wenig und entgegnete:

"Ich arbeite in einer Branche, die sich gewissermaßen mit der Entsorgung dieser Personen befasst."

Was ist das denn, fragte ich mich. Irgendwie klang das vertraut, auch wenn ich nicht wußte, was der meinte. Vielleicht wegen des Begriffes der Entsorgungsbranche. Mit entsprechenden Unternehmen haben wir manchmal auch geschäftlich zu tun.

"Das verstehe ich nicht ganz ", sagte ich." Arbeiten Sie in der Entsorgungsbranche oder in einer Behörde ?"

"Ich sehe, Sie lockern sich ein wenig. Das ist besser als vorher. Auch wenn Ihre Vorstellungen noch zu eingeschränkt sind, können Sie von einer Behörde sprechen. Es ist eine große Behörde mit tausenden von - na, ja, sagen wir Mitarbeitern."

Während er redete, fühlte ich mich in die alte Sendung "Was bin ich?" mit Robert Lembke versetzt, wobei ich selber das gesamte Rateteam bildete. Jetzt bekam das Team richtig zu tun, denn er erzählte weiter:

"Es gab ein entscheidendes Spiel - ein Endspiel. Sie kennen so etwas - am Sonntag abend gibt es wieder eins: bei der Fußball-Weltmeisterschaft. Ich war bei einem solchen Endspiel dabei. Die Legende sagt, es sei ein Kampf auf Leben und Tod gewesen. Auch das ist unsinnig. Es ging nur darum, wer von uns Beiden sich um was kümmert. Verstehen Sie, das war kein Fussballspiel, sondern ein Zweikampf. Ich muss mich seitdem um die Entsorgung des unbrauchbaren Ausschusses kümmern, mein Gegner um die Produktion und spätere Veredelung. Manchmal würde ich gerne tauschen - sich immer nur mit dem Mist abzugeben, raubt mir manchmal den Spass. Es ist im übrigen keinesfalls so wie vielerorts angenommen wird, dass wir unterschiedliche Charaktere hätten - mein Partner und ich. Sie hören schon: ich sage Partner, nicht Gegner oder gar Antagonist. Ich habe nur diesen Zweikampf verloren und muss den unangenehmeren Job ausführen.

Bei vielen Menschen spielt sich unser Kampf von damals immer wieder ab. Mein Partner und ich legen uns nicht miteinander an. Das wäre sinnlos. Das war ja es ohnehin von  jeher - deshalb haben wir auch nie wirklich gekämpft - nur so wie man beim Fußball kämpft. Wir haben uns schon immer die Hände gereicht. Denn uns gab es von Anfang an.

Jeder Mensch trägt die Kraft in sich, nicht von mir entsorgt zu werden. Ganz entscheidend dafür ist die Eliminierung des Sklaventreibers Zeit - ein widerwärtiges Konstrukt, so wie es von Ihnen konzipiert ist. Dass das Leben voranschreitet, bestreite ich nicht. Aber das tut es von selbst, Sie müssen ihm keinen Stundenplan vorlegen wie einem Kind, das man für unmündig hält."

Seine Worten lösten in mir Assoziationen vom Wildesten und Ungezähmtesten. Ich hatte den Eindruck, mit jeder Sekunde steige die Temperatur in meinem Gehirn um mindestens ein Grad an. Ich sah brennende Berge und Wälder voller Teer - absurdeste Wesen entstiegen den Wellen des Ozeans. Über allem regnete Schwefel aus den grünen Wolken, die sich vor einem grauen Himmel erbrachen. Was ist das ? Wer bin ich ?

Ich stöhnte, mir wurde ein wenig übel - sein Bild verschwamm in einem gelben Nebel - aber das war nicht wirklich so, das war nur in meinem Kopf, oder war es wirklich da ?

"Sehen Sie hin!", sagte er mit einer Stimme wie aus einem Sarg, "Wehren Sie sich nicht dagegen!"

Also sah ich, was ich spürte - einen Riss, quer durch das Herz, das Gehirn kochte wie Eintopf vor sich hin, meine Augen, mit denen ich nichts sah, quollen aus den Höhlen, fielen mir die Zähne aus? Rasierklingen flogen vorbei - tausende - ich schrie, die Angst eroberte mich wie eine Armee, ich hatte Todesangst, als ich die Löwen auf mich zu kommen sah. Ich wollte die Augen schließen, aber es gelang nicht. Jetzt hatte es keinen Sinn. Er rief: "Wehren Sie sich nicht!". Ich ließ mich darauf ein. Stand da nicht ein Engel? Da hinten? Er kam auf mich zu - weißes Gewand, sein Gesicht verschwommen - wieder raste der Schmerz wie eine Sense durch meinen Körper. Ich spürte den Schmerz, ich wollte ihn haben - da verschwand er. Und auch der Engel löste sich auf. Ich sah nur noch, dass er mein Gesicht zu besitzen schien.

Der Herr legte mir eine Hand auf die Schulter - ich sah ihn an. Er sah unverändert aus - seriös und unheimlich. Mir wurde wieder heiß. Dann entfernte er seine Hand und blickte mich von seinem Sessel aus an. Ich fühlte mich zunächst leer und dann zufrieden. Langsam schien sogar eine Art Fröhlichkeit aufzutauchen. Ich fing unvermittelt an zu lachen, und ich mußte immer mehr lachen, immer mehr und schon bebte mein Brustkorb vor innerer Ausgelassenheit. Ich konnte vor Lachen nicht mehr sprechen, doch irgendwann ging es wieder, und so fragte ich: "Sind Sie der Teufel ?"Ich hörte auf zu lachen und wunderte mich über meine Frage. Dafür lächelte er jetzt und sagte, ohne genau zu antworten:

"Sie scheinen begriffen zu haben. Daher sehen Sie vielleicht, welches Glück Sie haben, dass Sie sich mir heute morgen genähert hatten. Sie denken zu wenig an mich und damit an sich selbst - also an das, was Ihnen wirklich entspricht. Die Antwort auf die Frage, wer und was Sie sind, finden Sie nicht im Ziffernblatt verborgen oder im Innern eines Chronometers versteckt. Ich schätze, dass ich Ihnen zwar nur in Auszügen aber doch hinlänglich auf Ihre Frage nach der Uhrzeit geantwortet habe".

Ich war entspannt und verwirrt - mein logischer Verstand hämmerte gegen die Situation an und führte Gespräche mit sich selbst mit Sätzen wie 'Das ist ein Scharlatan'; 'Du solltest gleich die Polizei verständigen'; 'Der hat Dir Drogen eingeflößt - Stimmt, die Zigarette' und so weiter.

Dann sagte ich: "Es tut mir leid. Wie konnte ich nur ? Aber mit Ihnen rechnete ich nicht."

"Sie können davon ausgehen,", unterbrach er mich "dass dauernd Dinge passieren, die nicht in Ihr Konzept passen. So etwas geschieht jeden Tag. Wenn Sie wahrnehmen würden, was um sie herum in jedem Augenblick geschieht, würden Sie tagtäglich sehen, welche für Ihren rationalen Geist unmöglichen Dinge in dieser Welt stattfinden. Heute habe ich Ihnen das einmal demonstriert. Aber letztlich haben Sie mich dabei selber ausgesucht."

Ich enthielt mich jeder Äußerung, nicht weil ich zurückhaltend gewesen wäre, sondern weil mir keine in den Sinn kam. Ich schaute ihn nur an und empfand Bewunderung für diesen Burschen - Respekt für seine Klarheit, Anerkennung für seine Kraft und Stärke.

Er erhob sich aus seinem Sessel und sagte:

"Stehen Sie auf ! Draußen wird eine Droschke auf Sie warten, die sie nun dahin bringen wird, wo Sie hin wollen. Denken Sie daran, dass in Ihnen immer die Freiheit zu entscheiden bereit steht. Wir sind eine Wahl, die Sie haben. Das Glitzern führt nicht immer zum Wertvollsten. "

Ich erhob mich und ging auf die Tür des Schuppens zu. Bevor ich ins Freie trat, reichte ich ihm meine Hand, wie ich das automatisch nach jedem Gespräch tue, vor allem, wenn es in Sesseln stattgefunden hat. Er schlug ein und ich hatte das Gefühl, mich von einer glühenden Herdplatte zu verabschieden. Ich mußte meine Hand danach ausschütteln.

"Ich hoffe, wir sehen uns nie wieder. Sie erfüllen zwar einige wesentliche Voraussetzungen, um an meinem Arbeitsplatz zu erscheinen - je weniger ich aber zu entsorgen habe, desto lieber ist es mir. Ich sage Ihnen, es ist nicht angenehm, den Menschen die Wahrheit über ihr Leben an meinem Arbeitsplatz einzubläuen", sagte er mit einem ernsten Lächeln in seinem wohl von der Hitze seines Berufes gebräunten Gesicht.

Er beendete damit das Gespräch und gab mir ein Zeichen, dass ich zu gehen habe. Ich wandte mich um und erblickte jetzt eine Taxe, die mit laufenden Motor außerhalb des Geländes am Straßenrand wartete.

Die ist für mich, dachte ich. Ich ging über den Hof, ohne mich umzusehen, und erst nachdem ich eingestiegen war, drehte ich meinen Kopf. Der Herr war verschwunden. Dafür sah ich jetzt einen Mann im blauen Arbeitsanzug auf den Schuppen zumarschieren und die Tore aufschließen. Dem Herrn gehört der Laden wahrscheinlich, dachte ich zu allererst. Doch dann mußte ich über meine eigenen Gedanken lächeln.

Der Fahrer fuhr los, und ich sah einen Lkw entgegenkommen, der uns passierte. Ich blickte zurück. Der Lkw fuhr auf den Hof, und ich konnte sogar noch sehen, dass er hinter den Gebäuden vor dem Tor zum Schuppen anhielt. Danach ging es in eine Kurve und der gesamte Komplex verschwand aus meinem Blick.

Die Taxe fuhr derselbe Fahrer wie vorhin. Er sah jetzt um einiges älter aus. Aber wahrscheinlich hatte ich ihn mir vorhin nicht genau angesehen. Erst jetzt fiel mir auf, dass seine Wangen wie die eines Hundes herabhingen.

"Arbeiten Sie für den Herrn ?", fragte ich ihn."Zitiert er öfters ahnungslose Leute zu sich ? Wo kann man ihn sonst antreffen ?"

Ich saß auf der Rückbank und erwartete erst gar nicht, dass er meine Fragen beantwortete. Er erfüllte diese Erwartung aufs Beste und sah mich nur kurz aus dem Rückspiegel an, woraufhin ich wieder seinem Blick nicht standhalten konnte. Zu schmerzhaft für mich war der Ausfluß seiner Augen.

Ich fragte nicht nach der Uhrzeit, hatte ihm auch gar nicht mitgeteilt, wo ich hin wollte; ich dachte, er werde es wohl behalten haben. Als ich auf die Uhr im Armaturenbrett sah, mußte ich leicht grinsen, denn es war jetzt 5 Minuten vor 12.

Die ganze Sache wird mich rund eine Stunde gekostet haben, schätzte ich. Ich werde mir eine gute Erklärung einfallen lassen müssen, denn wer glaubt diese Wahrheit ? Aber mich kümmerte das nicht besonders, es wird sich schon ergeben, ich bin in solchen Dingen auch sonst einfallsreich und überzeugend. Mit dem Verkehr und einem wahnsinnigen Taxifahrer läßt sich einiges erklären. Zum Glück habe ich kein Handy, dachte ich, und mußte wieder grinsen, denn vorhin hätte ich doch gerne eins gehabt.

Ich zündete mir eine Zigarette an und hielt dem Fahrer wortlos die Schachtel hin. Mit einem sicheren Griff nahm er eine aus der Packung und zündete sie an, ohne hinzusehen. Ich lehnte mich zurück und sah aus dem Fenster: wir fuhren durch das Berliner Tor; in zehn Minuten bin ich im Büro, dachte ich, ich war erstaunlicherweise völlig entspannt.

Ich versuchte mich nun, auf die Verhandlungen vorzubereiten. Ich dachte nicht an mögliche Dialoge mit dem Kunden, sondern konzentrierte mich ganz einfach nur auf mich selber. Das gelang sehr gut - der eigenartige Herr war in den Hintergrund getreten und behinderte nicht mehr meine Gedanken.

Den Hauptbahnhof ließen wir hinter uns und wenig später stoppte der Fahrer genau vor unserem Büro am Rathausmarkt, obwohl ich ihm keinerlei Hinweise auf die genaue Adresse gegeben hatte, zumindest nicht verbal. Das wunderte mich auch nicht mehr. Ich hatte einen Betrag von 24,80 zu entrichten und gab ihm volle 30. Ich war in einer Verfassung, dass ich jedem Obdachlosen sofort 50 Mark gegeben hätte - und siehe da, es trat einer aus einer Ladenzeile auf mich zu, als ich den Wagenschlag des Taxis zugeworfen hatte. Er sah mir voll in die Augen und sagte in ruhigem Tonfall:

"Haben Sie etwas übrig für einen Obdachlosen ? Ich habe Hunger." Seine Augen funkelten, sie waren klarer als die der meisten anderen Menschen auf der Straße. Ich gab ihm zwei Zwanziger. Er sagte kurz Danke und fügte dann hinzu: "Sie sind da angelangt, wo Sie hingehören. Das ist Ihr Weg." Ich winkte ihm zu als ich das Eingangsportal des hanseatischen Händlerhauses betrat, in dem wir residierten. Ich lief die zwei Stockwerke zu Fuß hoch und klingelte. Frau Konitzke vom Empfang öffnete. Ich sagte frohen Mutes "Guten Morgen" und dann "Sind die Herren noch im Haus ?". Die Konitzke sah mich völlig verständnislos an und fragte blöd "Wieso ?"

Ich blieb ruhig, doch mich durchzuckte der Gedanke, dass eine etwas intelligentere Empfangsdame auch keine falsche Investition für unsere Unternehmung wäre. Ich präzisierte also meine Frage: "Sind Herr Stendahl von ProjectPartners und Herr Scheffler noch im Hause oder schon zu Tisch ?" Wir wollten einen Teil der Verhandlungen auswärts führen.

Sie sah mich jetzt noch blöder an. Nur gut, dass ich keine schlechte Laune hatte und mir auch die Hektik fehlte. Sie fing an zu sprechen, und nach den ersten Worten ("Aber Herr Scheffler ist noch...") klingelte es wieder. Ich sah mich um. Dort stand Dieter vor der Glastür. Nachdem die Konitzke geöffnet hatte, fiel mir auf, dass er seinen dunklen Trenchcoat trug, den er bei einem Wetter wie heute normalerweise im Büro ließ, wenn er zum Essen ging, oder sonst eine kleine Erledigung abwickelte. Außerdem hatte er auch seinen Aktenkoffer dabei, den er normalerweise ebenfalls erst dann wieder mitnahm, wenn er Feierabend machte. Und das ungewöhnlichste war, dass keine Spur von dem Stendahl zu sehen war. Hatte der etwa abgesagt, oder waren die schon durch ? Alle Achtung Dieter, dass Du alleine... - alle Gedanken durchjagten mich in weniger als einer Sekunde. Solange dauerte es nämlich, bis Dieter völlig natürlich sagte:

"Morgen, Ole. Na, das ist das erste Mal seit Monaten, dass Du ..."Ich hörte ihn im voraus fortfahren mit den Worten "Dich dermaßen verspätest ", aber er sagte "vor mir im Büro bist. Aber das ist ja auch ein sehr wichtiger Tag für unseren Laden. Lass uns einen Kaffee nehmen - ja, Frau Konitzke, guten Morgen übrigens, machen Sie uns einen ? - ..." "Guten Morgen, Herr Scheffler, aber gerne." "...und dann besprechen wir noch ein paar Details, bis der Stendahl da ist. Wir haben noch eine halbe Stunde Zeit ".

Ich war verwirrt und suchte in meinem Kopf nach einer Erklärung für diese Worte meines Partners. Ich fand keine, und deshalb stotterte ich nur:

"Ja - eeh - klar, jaja, ich - eeh.."

"Na, Alter, was ist los ? Waren wohl doch fünf Minuten zu früh heute morgen, was ? Du siehst etwas verwirrt und mitgenommen aus. Was hast Du denn gestern abend noch getrieben ? Sag nicht, die Waldmann von unserer PR-Agentur..."

"Was ?- nein, nein. Eehm ". Was ist das denn jetzt für ein Szenario, dachte ich und fragte etwas kleinlaut "Wie spät haben wir denn eigentlich ?"

Dieter schaute auf seine Armbanduhr, die ihm niemand im Freibad geklaut hatte: "Es ist jetzt genau 8 Uhr 26. Und jetzt komm, wir wollen noch vorbereiten".

"Ja, gib mir eine Minute, geh schon mal rein", sagte ich und blickte aus dem Fenster auf den Rathausmarkt hinaus. Es war wie immer: die Tauben schissen den Platz vor dem Rathaus voll, ein paar Busse fuhren vorbei, von dem Wasser der Alster stiegen Möwen auf, ich sah eine Vielzahl von Menschen gedankenverloren auf dem Weg zur Arbeit; und es waren gerade einmal fünfzehn Minuten vergangen, weniger als üblich, seit ich die Wohnungstür hinter mir geschlossen hatte, seit ich den fremden Herrn auf der Straße nach der Uhrzeit gefragt hatte.