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Engel

PAUSE FÜR EINEN ENGEL

 

Aus einem Mülleimer wachsen Blumen. Das Frühjahr bläst voll ins Horn. Zwei junge Frauen sitzen in kurzen Röcken auf der Parkbank. Im Tiefflug flattern Wolken über den Park. Ein paar Amseln hängen in der Hängematte und erzählen Witze. Zum Beispiel diesen:

Vor geraumer Zeit kamen drei Hirsche in die Stadt. Der blaue Hirsch geht in die nächste Kneipe und bestellt ein Bockbier. Der rote Hirsch wendet sich an eine Pferdefarm und spielt mit zwei Hengsten Skat. Als die zwei wiederkommen, ist der weiße Hirsch immer noch an der Straßenecke. Er hängt auf einer Hirschkuh. "Ej, Mann, wolltest Du nicht ins Kino?" "Klar - aber sie hatte grad keinen Bock".

Während die Amseln fröhlich piepen, reiten gerade ein paar bisher noch unbekannte Tier auf zwei Sonnenstrahlen. Aber keiner will sie sehen.

Zwei alte Männer reichen das Zepter ihrer alten Tage von Hand zu Hand. Ihre kräftigen Arme spannen sie. Sie tauschen Dialoge aus wie:

- Wenn ich Dich nicht hätte, wäre ich ein ausrangierter Ofen.

- Daß ich mit Dir hier sitze, ist das schönste Geschenk meiner letzten Jahre.

Während die Gespräche in den Himmel aufsteigen und verglühen, erkennt man hinterm Gebüsch ein Lächeln aufleuchten. Es gehört einem geweihten Engel, der gerade eine Pause macht. Er spielt mit seinem weißen Gewand und weiß, daß er nicht jeden retten kann.

Neulich war er zu Besuch bei einem jungen Paar. Sie hatten sich nicht viel zu sagen - ein paar Vögel zwitscherten hinter den geöffneten Fenstern. Der Mann fragte sich, warum er eigentlich hier sitzt. Die Frau wußte nicht, ob er ihretwegen schwieg. Er schaute an ihr vorbei, während sie ein Programmheft durchblätterte. Plötzlich blendete ihn ein Strahl der hineinleuchtenden Sonne, und er blickte beiseite in zwei tiefblaue Augen, die gerade von der langweiligen Printwerbung aufsahen.

Sein Blick mußte bleiben wie ein Magnet angezogen von der Schönheit der Blumenwiese, der spielenden Tigerkinder, der umfallenden griechischen Statue.

Durch ihr Herz glitten die Klänge eines sanften Windes, in dem der bärtige Steuermann das Boot auf Kurs hält, der Erbauer eines Tempels seinen Schweiß trocknen läßt und mit dem der Bogenschütze seine Lungen füllt.

Noch vor seinem Hemd fällt seine Starre von ihm ab, ihr Mund formt noch vor dem ersten Kuß das Wort Liebe und die Milch auf dem Herd kocht über. Der Engel saugt den Schaum ein und ist weg.