GO RISTAU
GIESO RISTAU
OLIVER RISTAU
KONTAKT
Impressum
Aktuelles 2

ENDE UND ANFANG

Auf einer Insel steht ein Haus. So etwas kommt ja dauernd vor. Nachdem mein Boot auf ein Riff gelaufen war, wurde es bezogen. Und wartet darauf, was noch passiert - jetzt, nachdem meine lange Fahrt über die Meere endete.

Als sie begann, hatte ich die Schnauze voll wie man sagt. Überall diese Langeweile, dieses inspirationslose Leben um mich herum. Ich war jung, allein und wollte mehr erleben als das, was sich alltäglich zutrug. Nach vielen durchzechten Nächten gelangte ich zu der Überzeugung, ich müsse fort, müsse etwas anderes sehen und tun. Zwar sagte mir ein guter Freund: „Das bringt doch nichts. Du kannst doch nicht vor Dir selbst fortlaufen.“ Doch mit einem kräftigen “Papperlapp” wischte ich den Einwand vom Tisch.

Also fuhr ich eines Tages mit dem Motorboot meines verstorbenen Onkels los. Ich hatte genügend Platz unter Deck, um reichlich Lebensmittel einzulagern. Natürlich durften auch einige Kisten Rum der Sorte 'Havana Club' nicht fehlen. Schließlich tranken auch die Piraten im Fernsehen ständig Rum.

Für meinen Tankwart, meinen einzigen Begleiter, zeichnete sich ein lauer Job ab. Ich hatte ihn in einer schmierigen Bar im Hamburger Hafen kennengelernt. Er sagte, er wolle nach Spanien, und wir einigten uns schnell auf eine gemeinsame Fahrt. Sein Job war es dabei, sich um die Zapfsäule zu kümmern, die wir fachmännisch auf dem Vorderdeck installiert hatten.

Wir legten bei einer steifen Brise in Hamburg ab und fuhren die Elbe stromabwärts. Kaum hatten wir die Nordseemündung erreicht, als wir am Himmel ein höchst ästhetisches Schauspiel beobachten konnten. Hier hielt der Internationale Verband für Tiersport (IVTS) die Weltmeisterschaft der Möwen im Figurfliegen ab. Der Tankwart betrachtete das Spektakel mit äußerster Zufriedenheit. Mit seiner Freundin, die er in Spanien treffen wollte, war er alle zwei Jahre bei diesen Wettkämpfen zugegen.

Ich hatte keine Freundin. Ich war ein moderner Mann und lebte ein überzeugtes Single-Leben. Natürlich mußte ich ficken - das gehört ja zu einem tollen Fit und Fun-Leben dazu. Aber das gelang mir zum Glück immer wieder. Schwierigkeiten ? Ach was - so etwas ignorierte ich. Aber insgeheim wünschte ich mir wohl doch eine Freundin - eine Partnerin fürs Leben.

Kaum war die Siegerehrung für die Figurflugmeister beendet, wandten wir uns nach Süden. Etwas später trafen wir auf einige Surfer, die Meilen vor der holländischen Küste im Wind hingen. Die Wellenberge, über die sie hinwegglitten, waren ansehnlich. Manche verschwanden immer wieder in der braunen See. Auf einem Motorboot hing eine Kamera-Crew herum und zwei weitere Boote beschleunigten gerade, als wir vorbeifuhren. An Bord hielten sich einige TV-Bullen aufrecht, die - wie wir später erfuhren - auf der Jagd nach der verbrecherischen Surfer-Bande aus der Fernsehsendung „Männer ohne Segel“ waren. Es wurde auch geschossen, und mein Tankwart lobte die Ausweichmanöver der Surfertruppe.

Die Kamara-Crew gab uns Zeichen, und wir suchten auf dem Sender eine Funkfrequenz, um uns mit den Jungs zu unterhalten. Sie fragten uns, ob nicht jemand von unserer Besatzung surfen könne, da einer ihrer Darsteller auf See verschwunden sei und bisher nicht wieder aufgetaucht war.

Mein Tankwart war genau der Richtige für diesen Job, und wir ließen die Crew an Bord kommen. Leider versuchten die Burschen sofort, sich gegenseitig im eitlen zur Schau stellen ihrer selbst zu überbieten. Der Erste quatschte ungefragt von seinen neuen Marken-Socken, der Zweite antwortete darauf mit einem Kurzmonolog, Thema: wie hip ist es beim Film zu sein, und beim Dritten hab ich schon nicht mehr hingehört. Alle drei fuhren sich permanent durch die Haare - als handele es sich bei ihren Händen um eine Geltube.  Als sie eine Pause machten - weil die interne Platte zu Ende war - ergriff mein Tankwart die Initiative und handelte für den Dreh, der einige Zeit in Anspruch nehmen sollte, ein üppiges Honorar aus - es zeigte sich, dass nicht jeder Hip-Schwätzer auch ein guter Kaufmann ist.

Mein Tankwart streifte den Neoprenanzug über und stand wenig später auf dem Brett. Er machte bei der steifen Brise eine ausgezeichnete Figur und wurde von den TV-Bullen gejagt und beschossen. Ein Schuß zerstörte seinen Mast, und er stürzte in das dahin wogende Meer. Die TV-Bullen holten ihn aus dem Wasser und unterzogen ihn einem  Verhör in einer ihrer Kajüten. Sie blieben eine Stunde unter Deck.

Während ich gelangweilt wartete, musste ich mir immer wieder das dumme Geschwätz der Produktionsleute anhören. Für meinen Geschmack hatten die alle ein Identitätsproblem. Später trennten wir uns von der Crew und gingen vor Holland vor Anker. Mein Tankwart versuchte, meine üble Laune durch ein paar Witzchen aufzuhellen. Das gelang ihm kaum Für den ersten Tag unserer Reise waren diese Film-Heinis schon eine üppige Zumutung gewesen.

Am nächsten Morgen weckte mich mein Tankwart. Er hatte seine Arbeitskleidung an und empfahl Anker zu lichten. Das Meer war glatt wie Eis und die Sonne stand schon in aller Frische über dem Land.

In der Straße von Dover war wie üblich Stau. Zudem waren auch noch die Ampeln ausgefallen. Deshalb regelten ein paar Wale den Verkehr. Sie stammten aus Kanada, und hatten vor wenigen Wochen diesen von der EU hoch dotierten Job angenommen. Natürlich ging es einigen Schiffern trotzdem nicht schnell genug. Sie hupten und fuchtelten wild mit ihren Pranken in der Seeluft herum.

Vorbei an der Bretagne und der Mündung der Gironde fuhren wir in den Golf von Viscaya ein. In Gijon schließlich, im spanischen Asturien, legten wir zum ersten Mal seit unserer Abfahrt aus Hamburg an. Wir blieben zwei Tage in dieser gastlichen Gegend, und bei einem Gespräch mit einem Fischer erfuhr ich, dass sich Sindbad, der Seefahrer, vor La Coruña aufhielt, um dort Rennen zu fahren. Von nun an mußte ich aber alleine weiter fahren, denn mein Tankwart war mit seiner Freundin für den kommenden Tag verabredet.

Also mußte ich mir schleunigst ein neues Abenteuer suchen. Ich rief Sindbad, dessen Handynummer ich mir besorgt hatte, an, und wir vereinbarten einen Treffpunkt in einer Bar, 30 Meilen vom spanischen Festland entfernt auf hoher See.

Als ich am nächsten Tag an der Bar anlegte, war sie fast menschenleer. Das Gebäude war eine Art Bohrinsel - oberhalb des Wasserspiegels bestand sie allerdings aus Holz. Im Keller der Lokalität tummelten sich ein paar kleine Fische. Für sie gab es einen Tresen, hinter dem ein Tintenfisch die Wünsche der schwimmenden Kunden entgegennahm. Ich vertrieb mir die Zeit mit der Beobachtung der Konsumgepflogenheiten der Schuppentiere und trank dabei einen Rum-Cocktail. Während ich anschließend einen Teller Muscheln genoss, sah ich Sindbad mit seinem großem Gefolge anlegen. Alle strömten munter in die Bar. Sindbad kam unmittelbar auf mich zu und fragte, ob ich bereit sei für unsere kleine Rallye. Das war mir recht. Ich betrachtete den alten Seebären. In seinem Bart befanden sich kleine Salzstückchen, die von der immer brandenden Gischt noch übrig geblieben waren. Seine von Falten umkränzten Augen lächelten und seine gegerbte Haut war braungebrannt.

Selbstverständlich war Sindbads Boot ein altes Segelschiff. Es war mit prachtvollen orientalischen Tüchern behangen, die in der Brise flatterten. Die britische Regenbogenpresse war auch schon da - sie erhoffte sich Fotos von wilden Orgien des bekannten Seebären. Man munkelte, Sindbad halte sich ein paar weibliche Leckerbissen unter Deck.

Als Leser von hochangesehenen Klatschblättern war mir natürlich bekannt, dass Sindbad ein sehr intensives Verhältnis zum weiblichen Geschlecht pflegte. Da er keine feste Frau hatte, war es nur allzu logisch, ja geradezu notwendig für sein Wohlbefinden, mit einigen Damen im angenehmsten Kontakt zu stehen.

Nachdem wir 10 Minuten unterwegs waren, lag Sindbad schon einige Wellenhügel in Front. Zwei Stunden später war er nur noch ein kleiner Punkt am Horizont. Mir schien es wenig wahrscheinlich, den erfahrenen Skipper besiegen zu können.

Unser Ziel war der Hafen von Vigo im Nordwesten Spaniens, kurz vor der Grenze zu Portugal. Diese Fahrt zog sich ein bis zwei Tage hin. Ich machte es mir auf dem Vorderdeck gemütlich und ließ mein Schiffchen durch den Autopilot lenken; ich legte angenehme Jazz-House-Musik auf und erfreute mich am Schaukeln und Gleiten und am freundlichen Rufen der Möwen.

Ich beobachtete das Wasser, den Horizont, den Himmel und den Radar. Ab und zu wechselte ich die Musik oder versuchte, Sindbad über Funk zu kontaktieren.

Am nächsten Morgen stand ich schon kurz nach Sonnenaufgang auf Deck, um meinen Augen die entspannende Weite des Meeres zu gönnen. Das Wasser bewegte sich kaum, deshalb sah ich schon früh ein kleines Holzboot in der Ferne treiben. Als ich näher ran kam, sah ich, dass es ein Beiboot von Sindbads Schiff war. Der Seebär döste in der frischen Brise des klaren Tages.

„Hey Sindbad, was ist los?“, fragte ich ihn. Er schlug die Augen auf und antwortete mit einem verspielten Brummen „Ich döse hier ein bisschen. Ich habe auf dich gewartet, weil ich mit dir zusammen nach Vigo fahren will.“ „Ah ja“, sagte ich und verstand kein Wort. Ich blickte ihn fragend an, aber er bat mich nur darum, die Leiter auszufahren, damit er an Bord kommen konnte. Als das erledigt war, banden wir das kleine Beiboot am Heck fest.

„Ich dachte, wir fahren ein Rennen und treffen uns erst in Vigo“, sagte ich. „Du hast gewonnen“, antwortete Sindbad. „Ohne dich würde ich noch Tage unterwegs sein.“ „Ist ja prima“, erwiderte ich. „Aber, nun sag mir mal: wo ist dein Boot ?“. „Mir ist die britische Regenbogenpresse auf die Nerven gegangen. Sie flogen ständig mit einen Hubschrauber über uns, das war zu laut. Ich habe nie das ehrliche Gurgeln des Wassers hören können.“ „Hm“, sagte ich und glaubte zu verstehen. „Also habe ich meinen Begleitern in der Nacht mitgeteilt, dass ich von Bord gehen werde und sie sollten weiter fahren. Wir legten kurz Anker und - schwupp - vollzogen wir die Aktion. Meine Begleiter fuhren weiter, und mit ihnen die Presse.“

Ich war froh, dass ich nun Sindbad an Bord hatte. Wann kommt man schon mal in den Genuß, eine solche Legende kennen zu lernen? Ich machte uns ein leckeres Frühstück mit Eiern und Speck, dazu gab's kräftigen Kaffee,  und ich legte kubanischen Salsa auf. Das gefiel dem alten Orientalen nicht schlecht.

Noch vor dem Sonnenuntergang kamen wir in Vigo an. Bei der Einfahrt in den Hafen, flammte ein Blitzlichtgewitter auf. In kleinen Booten fuhren die Papparazzi neben uns her und knipsten, was das Zeug hielt. Bei den Anlegebrücken erwartete uns eine kleine Menschenmenge. Natürlich fehlten die Reporter auch hier nicht und wir vereinbarten der guten Presse willen, mit ihnen die ganze Nacht zu feiern. Es wurde eine Menge geredet und auch gelacht, manche Kamera versank im Hafenbecken, und zu späterer Stunde hallten rührende Matrosenlieder in vielen Sprachen über die dunklen Kopfsteinpflaster der Stadt.

Nun war ich also in Vigo, viele tausend Kilometer von meiner Heimat entfernt und begann nachzudenken. Was machte ich hier eigentlich? Mein Kopf bot mir 100 Antworten an, die mich nicht befriedigten. War das denn alles so erstrebenswert? Allein und einsam über die Meere zu gleiten? Sich ständig mit sich selbst zu beschäftigen und, obwohl Termine nicht anlagen, keine Zeit zu haben, jemanden näher kennen zu lernen?

Ich entschied, dass der Grund dieses Grübelns in der nun schon lange währenden Abwesenheit einer Frau zu finden war. Also brauchte ich schleunigst Frauenkontakt und so stattete ich Sindbad einen Besuch ab, um herauszufinden, ob er mir vielleicht eine Dame empfehlen könnte. Er konnte tatsächlich, und so machte er mich mit einer jungen Frau aus Algier bekannt.

An jenem Abend speisten wir in einem kleinen spanischen Restaurant - einige Fahrminuten von Vigo entfernt. Es war ein sehr romantischer und spannender Abend - meine Begleiterin erzählte viel von arabischer Literatur, und ihre bunten Geschichten waren voller Zauber und fesselndem Leben, so dass ich mich nur mit Mühe beherrschen konnte, sie nicht an Ort und Stelle zu vernaschen.

Das durfte ich dann später tun, in einem alten Hotel im Hafenviertel von Vigo. Wir fielen übereinander her und es war eine Befreiung, eine Erlösung für mich, endlich wieder einen Frauenkörper erobern zu dürfen. Yanina, so hieß meine bezaubernde Partnerin, war ebenfalls voll bei der Sache und ebenso glücklich wie ich über die wundervollen Ereignisse.

Der nächste Morgen stand im Zeichen eines ausgelassenen Sektfrühstückes auf dem lauschigen Zimmer. Die Sonne warf rotes Licht durch die schweren Glutvorhänge, und Yanina begann, von ihrer Heimat zu erzählen. Sie sagte, dass sie einen Verlobten in Algerien habe, der ihr angekündigt habe, sie zu holen, wenn sie lange fortbliebe. Sie sei nun schon seit einem halben Jahr hier und rechne fast täglich damit, dass er auftauche. Ob sie ihn denn liebe, fragte ich. Sie sagte, dass das sein könne, aber was sei schon Liebe, schließlich seien sie einander versprochen, und so werde sie wohl bald ihr buntes Leben bei Sindbad aufgeben und sich zu einer Bäuerin machen lassen. Ich sagte, dass sei schrecklich. Sie war ganz anderer Meinung: „Alles was passiert, hat seinen Grund. Und selbst wenn nicht, geschieht es ja trotzdem. Also nehme ich es hin, und es wird mir etwas völlig Neues über mich sagen können“. Ich war fassungslos über diesen Fatalismus. Man mußte doch was erleben. Wie konnte man denn zu Hause vor dem Herd Wurzeln schlagen? Yanina erzählte weiter von der Kultur ihrer Herkunft, und ich wurde zunehmend kälter und distanzierter. Ihre Worte begannen mich zu langweilen, ich hörte ihr nicht mehr zu. Es begann mich abzustoßen, neben ihr zu liegen. Diese Frau war nichts für mich. Ich sagte ihr, das ich nun gehen müsse. Sie antwortete ohne Hast: „Ich weiß. Du kannst dich nicht öffnen. Denn du wartest immer auf die nächste Überraschung. Vielleicht war es gar nicht ernst, was ich dir über meine Heimat gesagt habe. Aber dich erschreckt alles bis zum Entsetzen, was nicht in deine Vorstellung passt.“ Nach einer kurzen Pause ergänzte sie: „Es war ein schöner Abend mit dir. Vielen Dank. Aber nun geh rasch.“ Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Ihre Worte verwirrten mich und machten mich wütend. Letztlich erwiderte ich nur schwer beleidigt: „Na gut, dann geh ich. Werde doch glücklich mit deinem Mohammed.“ Sie lächelte und sagte: „Vielleicht heißt er ja Mohammed, vielleicht aber auch Jürgen oder Das Leben. Leb wohl. Und vergiß nicht: wenn du Überraschungen suchst, sei bereit, solche zu finden, die jenseits deiner Vorstellung liegen. Vielleicht liegen in den auf den ersten Blick alltäglichen Erlebnissen die größten Wunder unseres Lebens.“ Mir reichte es. Ich warf die Tür hinter mir zu und setzte mich in ein Straßencafe in der Nähe des Hotels. Während ich einen Milchkaffee zu mir nahm, entschied ich mich, Vigo sofort zu verlassen. Ich suchte Sindbad auf, der nicht überrascht schien und mir sofort eine gute Reise wünschte.

Nach dem Einholen einiger frischer Lebensmittel brach ich auf. Es war heiß zur Mittagszeit und mich suchte ein flaues Gefühl von Unsicherheit und leichter Verzweiflung heim. Plötzlich bedauerte ich es, so schnell von Yanina fortgegangen zu sein. Der Sex war doch sehr schön gewesen, und außerdem war sie eine bemerkenswerte Frau.  Ich ließ mir viele Gründe einfallen, warum es besser so war wie es war, bis ich plötzlich wieder ihre Worte hörte, alles so zu nehmen wie es geschehe und keinem Grund dafür nachzujagen. Ich blickte in ein zauberhaftes Meer, das an seiner Oberfläche die Sonnenstrahlen tanzen ließ.

Ich schaltete das Radio ein und setzte meinen Kurs: nach Süden der portugiesischen Küste entlang. Mehrere Tage schipperte ich über den Atlantik und hatte immer ein Glas Havana Club in der Hand. Ich rauchte viel und hielt einen permanenten Pegel, der mir alles erträglicher zu machen schien. Ich fuhr hinter der letzten Landzunge Südeuropas, dem Kap Sao Vicente, in den Golf von Cadiz.

Langsam wurde es wieder Zeit für ein buntes Abenteuer. Ich lauschte auf den Funk und sandte einen Spruch in die Weite des Äthers: „Suche lustige Beschäftigung. Habe viele Kisten Havana Club an Bord.„ Es dauerte nicht lange, da hörte ich ein Knacken aus dem Lautsprecher kommen und eine tiefe Stimme sagen: „Ich erwarte dich soundsoviel Seemeilen vor Tanger, Koordinaten xyz. Ich bin ein großer griechischer Seefahrer.“

Ich dachte nicht lang nach und fuhr los. Es war nicht mehr weit bis zur Küste von Tanger. Ich sah das abgehalfterte Segelschiff des Griechen gegen Nachmittag in der warmen Sonne des Süd-Westens näherkommen. Auf dem blauen und tiefen Meer war nichts weiter zu sehen als dieses Boot. Das Festland lag noch viele Meilen hinter dem Horizont. Wir vertäuten unsere Schiffe, und ich kam an Bord des unbekannten Seefahrers. Der Mann stank abscheulich. Frisches Wasser hatte er offenbar schon lange nicht mehr gesehen. Nach einer Weile hatte ich mich an den Gestank gewöhnt. Er eröffnete mir, sein Name sei Odysseus.

Odysseus sprach ununterbrochen und unzusammenhängend. Parallel bediente er sich an meinen Rumvorräten, die ich mit an Bord gebracht hatte. Ich versuchte ihm von meinem Abenteuer mit Sindbad zu erzählen, doch das war nicht möglich; er wollte nicht zuhören. Er quatschte von irgendwelchen Göttern, und irgendwann vernahm ich ein Poltern, und Poseidon kam für eine kurze Zeit an Bord. Auch er war stark angetrunken. Beide quatschten vielleicht fünf Minuten und soffen in der Zeit eine halbe Pulle aus. Als uns der unangenehme Meeresgott, mit dem ich nicht einmal einen Blick tauschte, wieder verließ, vergaß er sein Dreizack. Das Meer begann zu schwappen und unser Boot zu schaukeln. „Scheisse, immer dasselbe, wenn Poseidon einen im Kahn hat“, fluchte Odysseus. Er warf das alte Schrottding, das nur noch aus Muschelablagerungen zu bestehen schien, über Bord.

Kaum war die Episode mit Poseidon vorbei, setzte Odysseus seine halbgaren Reden fort. Es drehte sich ständig nur um ihn, dabei hatte er nichts Spannendes zu erzählen. Wie lange er schon alleine auf diesem Boot hauste, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Doch mir wurde klar, dass der Alte Alkoholiker war. Seine Erscheinung war verwahrlost und abstoßend, und zehrte er nicht von den wenigen Touristen, die vorbeikamen, um ihn zu bestaunen, wäre er vermutlich schon lange vor die Hunde gegangen. Für den nächsten Vormittag, entnahm ich seinem Gebrabbel, hatte sich wieder eine Reisegruppe angekündigt.

Nachdem wir zwei Flaschen 'Havana Club' getrunken hatten, fiel Odysseus unter der Kapitänsbrücke um. Ich war sehr froh, dass er endlich das Maul hielt. Die Sterne verschwammen vor meinen Augen in einem See aus Milch. Sie flüsterten: ' Bei dir leuchtet es aber ziemlich schwach' und ' So geht das aber nicht mehr lange weiter'. Ich schleppte mich auf das Achterdeck, da war ich vor dem Gestank von Odysseus einigermaßen geschützt und schlief auf den Planken ein. Ich nahm gerade noch wahr, dass eine sanfte Brise mich streichelte und mir zu verstehen gab: 'Ich mag dich'.

Die Morgensonne weckte mich als sie schon mehrere Zentimeter über dem Horizont glühte. Ich rappelte mich hoch und fühlte mich wie ein Stück Schmutz. Ich ließ die Leiter herab und sprang in das Meer. Schon wurde ich frischer, da schwamm ein kleiner Manta heran. Er war ganz anschmiegsam und kuschelig und wir tauchten ein bisschen zusammen. Unweit unseres derzeitigen Standortes befand sich eine Unterwasserbar. Die zeigte mir mein possierlicher Begleiter, nachdem er mir zuvor eine kleine Taucherausrüstung angelegt hatte. An einigen Korallentischen stand eine Gruppe von Thunfischen, die gerade einige Portionen frischen Seegrassalat verspeiste. Ich glaube, es waren Bauarbeiter, denn sie trugen Helme. Wir setzten uns in zwei Sessel aus LkW-Reifen und der Manta lud mich zu einem kleinen Fischcocktail mit Planktonsoße ein. Wir hatten viel Spass in dieser Bar - denn es gab reichlich Programm: so spielten zwei Haie, die Piratenklappen trugen, Billard und ein abgetakeltes Seepferdchen fütterte einen Geldspielautomat permanent mit Muscheln, ohne auch nur einmal zu gewinnen. Leider ging bald mein Sauerstoff zu Ende, und der süße Manta bat mich, auf seinem Rücken Platz zu nehmen. Er brachte mich zurück zu den Schiffen. Ich tätschelte seine Nase und stieg an Deck. Er hatte mir angezeigt, dass er gerne etwas aus der Luft-und Landwelt besitzen würde. Ich warf ihm daher ein Spielzeugauto zu, dass ich seit Hamburg  mit mir führte. Es war ein schöner Opel Manta B in mallorcabraun. Der Manta freute sich überschwenglich und verursachte einige ansehnliche Wellen. Wir vereinbarten, dass er sich auf meinem Handy melden würde, sobald Manta gerechte Handies in den Tiefsee-Supermärkten angeboten würden. Er tauchte ab und ließ als Erinnerung einige Luftblasen aufsteigen.

An Bord war alles ruhig. Odysseus lag im Schatten der Kapitänsbrücke und schnarchte laut. In der Ferne sah ich ein Boot auf uns zukommen. Es war offensichtlich die angekündigte Touristengruppe. Ich rief ihnen über das Megaphon zu, dass Odysseus nicht ansprechbar sei. Doch sie beachteten mich nicht, und ließen Boote hinab, um überzusetzen. Sie legten ohne meine Hilfe an und stiegen die Leiter hoch. Ich setzte mich und sah die Reisebegleiter und Touristen einer nach dem anderen an Bord springen. Sie erinnerten mich an ein Netz voller zappliger Fische, die an Bord gezogen werden. Sie sprachen kein Wort mit mir; sie sahen mich noch nicht einmal an. Der besoffene Odysseus schlief ungerührt weiter und die Touristen fotografierten ihn, während ihnen ihre Begleiter die Nasen zuhielten. Dann steckten sie Odysseus einige Scheine in die speckige Gesäßtasche seiner Hose und ließen auch noch eine Flasche Schnaps da. Sie fuhren wieder ab, ohne mir die geringste Beachtung geschenkt zu haben. Ich blieb frustriert zurück.

In einem Anflug von Wahn warf ich die Flasche Schnaps über Bord. Ich wollte, dass Odysseus sein Leben selber in die Hand nimmt. Doch ich schaffte es nicht, ihn zu wecken, bei jedem Versuch, rülpste er, und der dabei entweichende Gestank ließ mir die Haare ausfallen. Als ich völlig kahlköpfig war, ließ ich es sein. Ich stapfte auf dem Deck auf und ab. Ich fühlte mich wie eine Dampfmaschine, die den Druck nicht ablassen kann. Was war das für ein beschissenes Leben? Niemand da, mit dem sich ein vernünftiges Wort wechseln ließe. Was machte ich hier, fragte ich mich? Mein Blick fiel auf Odysseus, der völlig bedient war. Er war allein, ein Alkoholiker und lebte von seinem Legendenstatus. Ich mußte sofort weg von hier. War das nicht eher ein Alptraum denn ein Abenteuer?

Ich sprang zurück auf mein Boot und lichtete Anker. Ich fuhr einfach los, ohne zu wissen, wohin ich wollte. Ich war konfus und angeschlagen von der tagelangen Sauferei. Ein wenig Sport wäre jetzt nicht schlecht, sagte ich mir und lief das Deck auf und ab. Nach einer kurzen Zeit entschloss ich mich: ich nahm Kurs auf Rabat und Casablanca, die Namen klangen verheißungsvoll. Vielleicht konnte ich ja noch ein paar orientalische Weisheiten lernen. Ich dämmerte vor mich hin. Es mußte bald etwas passieren - so ging es doch nicht weiter. Aber es ging so weiter.

Während ein durchgeknallter Delfin aus dem Wasser sprang und mir seine Dienste als Stimmungskanone anbot, sah ich ein grandioses Segelboot in mäßiger Entfernung angleiten. Es war das Boot der aktuellen Segelmeister. Wir begrüßten uns sehr freundlich, obwohl wir uns nicht kannten. Wir fuhren eine Weile gemeinsam, bis wir in die Nähe von freundlichen Korallenriffen kamen. Dort legten wir Anker, und ich kam zu ihnen an Bord. Sehr freundlich und zuvorkommend waren die beiden durchtrainierten Jungs. Sie sagten, sie seien dem Delfin gefolgt und so habe uns dieses Tier wohl mit Absicht zusammengeführt, entgegnete ich.

„Wir kreuzen nun schon seit zwei Wochen zwischen den Kanaren und der marokkanischen Küste. Du bist der erste Mensch, den wir in dieser Zeit treffen. Hast du vielleicht eine paar aktuelle Börsenkurse parat.“ Ich gab Ihnen eine rund eine Woche alte Ausgabe der Börsen-Zeitung, die ich vor Faro aus dem Meer gefischt hatte. Begierig lasen sie den ausgiebigen Kursteil, unterbrochen von verschiedenen Ausrufen wie „Ooh - aah“ oder „Ooh - aah - scheiße“. Nachdem sie ihre Werte geprüft hatten, luden sie mich zum Essen ein. Sie fingen an, auf dem Deck zu grillen. Es gab verschiedene schmackhafte Meeresfrüchte, und ich erzählte Ihnen, dass ich heute mit einem Manta gefrühstückt hatte. Sie sahen mich zunächst wie zwei Verrückte an, dann lachten sie, denn sie glaubten, ich machte einen Scherz. Das nahm ich ihnen nicht übel, denn sie wirkten sehr rational und glaubten wahrscheinlich nicht an solche Abenteuer.

Es dauerte nicht lange, da begann mich das Gespräch zusehens zu langweilen. Denn für Wirtschaftspolitik, neue Automodelle und segelspezifisches Fach-Chinesisch hatte ich jetzt nichts übrig.

Sie hielten mir ein Schreibheft hin und einer sagte mir: „Das hat uns ein Typ in Casablanca geschenkt.“ Ich öffnete das Schreibheft und blätterte es durch. Keine der Seiten war beschrieben. Dafür bestand das Löschpapier nur aus einem schmalen Streifen und war bunt bedruckt. Ich hielt es hoch und sie grinsten mich an. „Was ist das, Jungs?“, fragte ich sie. „Wissen wir auch nicht“, antworteten sie unisono. Mir aber wurde schnell klar, dass sich das hier um LSD oder Ecstacy oder ähnlichen Schmutz handeln mußte. „Ihr habt das noch nicht ausprobiert, oder?“ „Nein, keine Ahnung was man damit macht.“ „Ablecken“, klärte ich sie auf, „und dann abwarten, was passiert.“ Ich kam mir vor wie ein Lehrer und machte mir Sorgen, ob die Jungs einen kleinen Trip vertragen könnten. Aber sie nahmen mir die Sorge ab, indem sie mir das Löschpapier entrissen und jeder eine Stelle ableckte. Sie gaben es mir zurück und nach kurzem Zögern leckte ich ebenfalls über den Streifen.

Die Sonne hatte sich schon nach Westen aufgemacht. Sie war ein glühender Ofen, der unsere Körper erst einbalsamierte und dann zu Boden warf. Die kleinen Grillfische sprangen von Bord, denn sie hatten keinen Bock mehr auf diese komische Nummer hier an Deck. Langsam wurden die Segelweltmeister immer weicher und ich hatte die Befürchtung, dass sie zerfließen würden. Ich bekam es mit der Angst und trank erst mal einen Schnaps zur Beruhigung. Irgendwann waren sie verschwunden, vielleicht krochen sie in den kleinen Ritzen der Holzplanken herum, oder ich und das Boot waren selber so stark geschrumpft, dass ich sie nicht mehr erkennen konnte. Ich tastete nach meinem Glas und fand es nicht mehr. Aus der Sonne löste sich ein Feuerball und raste auf mich zu; ich war dem Gestirn dankbar, dass es mich so wichtig nahm. Doch in einem völlig anderen Winkel der abkippenden Erde setzte sich eine Sonnenbrille in Bewegung und landete vor meinen Augen. Ich blickte in den Himmel und sah dort das grinsende Gesicht eines der beiden Segelweltmeister. Er reichte mir eine Zigarette, die so groß wie eine Litfasssäule und von konischer Form war. Plötzlich sprach eine Stimme, die von den Wolken kam, zu mir: sie klang als löse sie sich nur langsam aus einem riesigen Saal und bräche sich an den goldrunden Türrahmen des Eingangsportals: „Na, mein Bester. Nimm einen Zug. Beste marokkanische Ware.“ Ja, ich nahm einen Zug, und schloß danach die Augen.

Als ich sie wieder öffnete, war die Sonne gerade untergegangen, und ich sah einen rotvioletten Horizont, der mit dem Dunkelblau des fernen Meeres sich mischte. Um mich herum war Stille. Das Deck war bis auf den alten Grill und ein paar Luftmatratzen leer - mein Kopf ebenfalls. Ich ging unter Deck und öffnete die Kajüte der beiden Segelweltmeister. Sie lagen mit offenen Augen auf ihren Betten und glotzen an die Decke. Ihre Münder standen offen, was ihren Gesichtern einen debilen Ausdruck verlieh. „Seid ihr tot?“, fragte ich sie. Sie gaben keine klare Antwort von sich, und schienen nur zu einem Grunzen fähig. Ich ging in die Kombüse und nahm mir eine Dose Nordseehering aus dem Schrank. Ich biss sie auf und verspeiste ihren Inhalt. Dass mir das ganze Öl am Körper herabhing, merkte ich zunächst nicht - ich wollte nur etwas in den Magen bekommen. Ich kehrte an Deck zurück, wo inzwischen jemand das Licht eingeschaltet hatte. Auf einer der Matratzen saß in einem schwarzen Rock, roter Bluse und schwarzen Sandalen eine blondhaarige Frau. Ich nahm an, dass es eine Meerjungfrau war, denn von woher als der See hätte sie sonst kommen können? Allerdings fehlte ihr der typische Fischunterleib. Sie sagte: „Du stinkst nach Fisch.“ Ich fragte mit einigem Zögern: „Und das stört dich?“ „Na ja, schön ist das nicht, schließlich bin ich keine Qualle.“ Da hatte sie völlig Recht. Sie war ein wunderbares Geschöpf. Allerdings nicht für mich, denn ihre Nase war zu klein, ihr Busen zu groß, ihre Wangen zu rund und die Bluse zwar ärmellos aber zu rot für meinen Geschmack. Sie sagte: „Na und? Ich werde mich nicht einer Operation unterziehen.“ Ich sagte die Wahrheit aber glaubte, dass ich lügte, als ich ihr mit den Worten schmeicheln wollte: „Aber natürlich nicht. Du bist eine wundervolle Erscheinung - Balsam für meine Sinne.“ Sie streckte ihre Beine aus und sah mich an. Ihre Augen waren grün wie das Meer einer Lagune. In mir wuchs das Wort FLUCHT und es verlangte mich wieder danach, mir irgendetwas reinzuziehen. Ich suchte das Schreibheft, um noch einmal das Löschpapier einer Prüfung zu unterziehen.  Aber als mir ihr Lächeln von Neuem begegnete, vergaß ich dieses Vorhaben. Der Zauber ihres Lachens war so märchenhaft, dass sich sofort mehrere Singvögel und kostbare Stofftücher auf ihre Schulter und Haare herabließen.

Bevor ich sie mit auf mein Boot nahm, verabschiedete ich mich von den Segelweltmeistern. Sie hatten mittlerweile die Augen geschlossen und schliefen in ihren Kajüten. Als Dank für das Zusammentreffen klemmte ich ihnen noch ihre Stoffteddies zwischen Arm und Wange und deckte sie mit wunderschönen Berberdecken zu.

Wenig später fuhren wir los, ich hatte ein bisschen Jazz-Musik aufgelegt und meine Begleitung legte sich in eine Hängematte und schlummerte ein. Ich stand am Bug meines Schiffes, das mir bis jetzt so großartig zu Diensten gewesen war und ließ meine Sinne abermals über den großen offenen Atlantik schweifen. Die Temperaturen waren allerliebst, die Sonne wärmte meinen Körper und das Holz des Bootes.

Ich blickte mich um, da lag die schöne Frau in der Hängematte. Ich trat näher an sie heran: sie schnurrte ein wenig wie eine Katze.  Tja, das war ein Ding mit dieser Frau. Sie entsprach nicht dem Bild, das ich von meiner Traumfrau hatte. Denn die sollte ja rotes Haar haben und irgendwie anders sein: ein  bisschen kleiner vielleicht, ein bisschen mehr auf den Rippen vielleicht, eine kleinere Nase vielleicht. Aber musste ihre Nase nicht eigentlich so sein?  Ich lehnte mich an den Kabinenaufbau, an dem die Hängematte fest gemacht war. Ich begann, mich wohl und sicher zu fühlen. Ich gab ihr einen Kuss und spürte, dass das Spass machte. Mir fielen meine Augen zu. Es strömte der Geruch nach frischen Blumen heran. Es waren Teichblumen und auf dem Wasser des Teichs tummelten sich Enten, die vergnügt quakten. Mein Boot fuhr über das Meer. Von allen Seiten stieg plötzlich Nebel auf. Es war kalt, feucht und ich konnte kaum bis zur Wasseroberfläche sehen. Angestrengt blickte ich durch die Windschutzscheibe, da erkannte ich, dass wir uns auf einer Autobahnabfahrt befanden, die sich mächtig in die Kurve legte. Ich steuerte mein Schiff oder einen Rennwagen und ich brachte die Kiste gerade noch rechtzeitig zum Stehen als vor uns ein Stern ins Wasser plumpste. Dabei entstand eine mehrere Meter hohe Flutwelle, die über mein Schiff schwappte und mich von der Brücke riss. Sie packte mich und führte mich in die dunkle Tiefe des Meeres, wo ich keinem Fisch begegnete. Irgendwann klemmte mich Poseidon in einen Videorecorder und sah sich zusammen mit Zeus mein Leben an. Dabei soffen sie frisches Bier und fraßen Chips.

Ich vernahm ihr Rülpsen ein- zweimal. Doch als ich es zum dritten Mal hörte, war es eher ein Rummsen wie von Holz, das gegen Stein reibt. Ich spürte, dass mein Körper schwankte. Ich lag irgendwo und schaukelte wie ein Baby in der Wiege. Nun hörte ich das sanfte Plätschern von leichten Wellen, die sich an einem Widerstand brachen. Während ich noch dalag, blinzelte ich vorsichtig, noch völlig unsicher, was meine Augen wohl zu sehen bekämen. Es war hell, ich blickte in die Höhe und sah einen hellblauen Himmel, an dem Wattewolken entlang rutschten. Langsam richtete ich mich auf und wurde gewahr, dass mein Boot auf einen Felsen aufgelaufen war. Vor mir öffnete sich der Blick auf eine wunderschöne Insel mit hellem Sand und majestätischen Palmen. Ich blickte mich um und sah eine süße Frau auf dem Deck liegen. Sie lag zusammen gerollt wie eine Katze und öffnete die Augen, während ich sie betrachtete. Ich rief ihr zu: „Wir sind am Ende unserer Reise.“ Sie stand lächelnd auf und kam an meine Seite. Wir packten unsere Sachen, sprangen von Bord und schwammen die wenigen hundert Meter bis zum Strand.

Wir gingen den Strand entlang und bogen auf einen Pfad ein, der in das Innere der Insel führte. Dort stand das Haus. Hier zogen wir ein.

Drinnen machten wir sauber, und meine Begleiterin kochte etwas Leckeres aus den Dingen, die sich im Kühlschrank fanden. Ich entdeckte noch eine Dose Thunfisch im Regal. Wir saßen zusammen und freuten uns. Dahinten leuchtete das Blau des Sofas, in ihren Zähnen spiegelte sich das Sonnenlicht, ein Vogel zwitscherte ein fröhliches Lied und der Herd knarrte und knackte.

Es ist doch erstaunlich, was alles passiert, und wie eine Reise zu Ende geht. Doch jedes Ende ist der Anfang und der Mittelpunkt irgendwelcher neuen und anderen Begebenheiten. Und so ging ich vielleicht schon am nächsten Tag mit einem Walkman zum Strand und hörte eine Boygroup. Mein Anzug saß tadellos und so konnte ich zu meinem Termin gehen. Doch zuvor wollte ich mich bei dem Meer für seine Freundlichkeit bedanken. Ich war nicht belehrt sondern beschenkt worden. Und während ich eine Dankesrede hielt, überschlug sich eine Welle an Land. Als die Gischt zurückwich, blieb eine Musikbox liegen, aus der die Stimmen zwei alter Damen erklangen. Sie sprachen in einer Sprache, die ich nie gelernt hatte. Doch ich vernahm, dass sie sagten: “Wer spät nach Hause kommt, ist Heim gekehrt und bereitet den nächsten Tag damit vor, zu Bett zu gehen. Halte inne, du darfst auch früh zurückkehren. Und wenn der Reichtum sich innen befindet, ist Dir immer warm ums Herz.”

Was das auch immer heißen mag, doch ich wusste, ich musste keine wilden Abenteuer mehr erleben, um die Fülle meines Lebens genießen zu können.