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 Dr. Herzler und die Bambi-Verleihung

Dr. Herzler hat sich ein Bier aufgemacht. Er schenkt sich den schäumenden Gerstensaft in sein altes Senfglas ein und nimmt einen kräftigen Schluck. Ja, Dr. Herzler: er hat es sich vor dem Fernseher gemütlich gemacht, unser alter Medienexperte, denn es läuft die alljährliche Verleihung des Fernsehpreises Bambi, moderiert von seinem alten Freund Dr. Alfred Kosmonaldo.

Ein Daumendruck auf die Fernbedienung und schon geht’s los. „...und jetzt kommen wir zu unserem Preis in der Kategorie Charity, mit der wir den selbstlosen Einsatz für die Menschheit belohnen wollen. Und was glauben Sie wohl, wer die Laudatio hält? Ein Mann, der schon vielen von uns begegnet ist, entweder er selbst oder einer seiner vielzähligen Brüder und Schwestern. Sie kennen ihn von seinen lustigen Betteleien in Einkaufspassagen und vor öffentlichen Bibliotheken. Es ist unser geliebter Edelpenner Freddi Klos. Da ist er schon am Pult, leicht angetrunken von unserem guten TV-Whisky. Nicht wahr Freddi, so was Gutes bekommst du nicht alle Tage.“

„Danke mein lieber Dr. Kosmonaldo. Ich fühle mich versehrt, heute hier hofiert zu werden.    Denn das Popelikum im Saal weiß ja selbst, wie es ist, nackt auf der Straße bei 3 Grad und Regen zu sitzen, und die Fensterscheiben anzuhauchen. Da ist es natürlich – hups ein Rülpser - toll hier mal zu sein für 5 Minuten, bevor ich wieder auf den Bürgersteig darf. Und also will ich, schuldigung, erlauben Sie mir einen kleinen Schluck, prima Tropfen, aah, auch zur Sache kommen, Sie wissen ja worum es geht, meine versehrten Damen und Herren, hier stehe ich und kann nicht mehr, weil es nicht reicht, ein paar Salzstangen vom Sender als einzige Nahrung nach Tagen, aber es muss ja oder wie, ich brauch wohl doch ersmal nochn Schluck, ja so geht’s vielleicht, so dass ich vielleicht doch Ihnen den Wohltäter nennen kann, der hier erscheißen ääerscheinen muss, kann, darf ääh uuh..“

„Ja danke und Applaus für unseren lieben Freddi Klos. Leider hat er zusammengebrochen, hahaha, nein welch neudeutsches Wortspiel, ach wie still es im Saal ist. Ja-hmm. Also, während meine netten Kolleginnen mit den flotten Popöchen unseren Freddi raustragen, wollen wir die Chance nutzen, eine der First Ladies hier den Preisträger ansagen zu dürfen. Welche nehmen wir denn? Die Auswahl ist so sagenhaft, wie Sie alle dasitzen, die Damen unter der meterdicken Schicht von Make-up, die Ihre Gesichter so aufgedunsen wirken lassen, nehmen wir doch die Gattin des Verpflegers mit der schicken roten Brille, prima Gestell, auch tolle Farbe, sollte ich mir auch mal für meine Toilette überlegen oder leihen Sie mir die mal zum drauf sitzen, hahaha, schön dass Sie so herzlich schweigen, also Ihre Frau Gespielin, ach nein, das ist ne andere, haha, also gebt Ihr bitte mal den Zettel, das sie vorlesen kann“

„Danke. Äääh. Der Gewinner in der Kategorie Charity ist der Samenspender von Cap Verde, Joao Sebastao.“

„Da ertönt sie, unsere Siegermusik für Joao Sebastao, der dank seines Samens 26 Kinder auf den Kap Verden das Leben schenkte. Bravo.“

 

Dr. Herzler sieht den berühmten Samenspender hinter dem Vorhang hervorkommen. Seine Augen lächeln, seine Hose ist ähnlich verfleckt wie die von Dr. Herzler, der sich schon das dritte Glas über den Latz gekippt hat. Während er spricht, hört er die Stimme des Simultanübersetzers:

 

„Ja, es ist schön, so viele Kinder zu haben. Wissen Sie, bei uns gibt es kein Fernsehen, da geht man nach 9 ins Bett, und dann macht man es halt. Ich sage immer: sich bloß keine Sorgen machen, dann bleiben Sie einem auch vom Halse. Ja, den tollen Bambi stell ich mir in den Garten. Da können dann die Kinder mit spielen oder reinbeißen, wenn sie Hunger haben oder wegschmeißen, weil das olle Ding viel zu hart und schwer zum Spielen ist. Nun muss ich aber schon wieder, denn es ist gleich 9 Uhr, das ist die Zeit, na ja Sie wissen es ja schon. Da fällt mir ein: auf dem Weg ins Studio erzählte mir der Busfahrer, dass die Deutschen langsam aussterben. Vielleicht wollen ja eine oder zwei oder zehn der hier anwesenden Damen gleich mit mir in die Pension, da könnten wir es mal machen und Deutschland helfen.“

„Großartig, fantastisch, Joao Sebastao. Mit diesem Vorschlag bringen Sie sich jetzt schon für den Charity-Bambi des nächsten Jahres ins Spiel. Senor Sebastao, nehmen Sie sich doch eine der Prominentinnen mit, der Sie mal ordentlich die Schminke vom Gesicht lecken können. Da melden sich ja schon die ersten, da drüben die Frau vom Chef des größten deutschen Atomstromkonzerns mit der Brettfrisur oder die Dicke von dem Cheflegasteniker des Blümchenmagazins ‚Ficus’. Danke und Applaus für Senor Joao Sebastao.“

„Ja, meine Damen und Herren, das war also unser erster Preisträger: Joao Sebastao, unsere liebenswürdige Volksfürsorge. Und wie es gleich weiter geht, verraten wir Ihnen, wenn Sie sich der Werbung hingegeben haben. Unsere Bitte an Sie: Bleiben Sie am Apparat und gehen Sie morgen sofort los, um alles, was Sie gleich sehen werden zu kaufen.  Also, bis gleich.

 

Dr. Herzler sieht das Logo der Firma Nocobs erscheinen. Eine süß-künstliche Frauenstimme strömt aus dem Lautsprecher und haucht: „Danke für den Erguss.“ Dr. Herzler zappt auf ein anderes Programm, vielleicht läuft ja eine Informationssendung über die Kap Verden. Und tatsächlich, da kommt eine: „Tja, die Leute dort sind bettelarm. Deshalb wollen die ja auch alle unbedingt weg. Hat da einer der Eingeborenen was von Glück gesagt ? Ach was, und wenn schon, dann synchronisieren wir das weg, damit unsere Message stimmt, wer versteht in Deutschland schon portugiesisch? Also: alle wollen weg. Aber sie können nicht, weil sie so arm sind, aber sie leben in so einer schönen Welt. Aber Blödsinn: glücklich können sie nicht sein, da der Weg so weit, der Brunnen so leer, das Meer so tief, der Himmel so blau und so weiter ist. Was haben wir es gut, dass es für uns alles gibt, was wir so dringende brauchen, z.B. Fernseher, Preisverleihungen oder Maniküresets mit Batteriebetrieb. Dass sich auf den Kap Verden noch nicht alle die steilen Vulkankrater hinab gestürzt haben, das ist doch ein Wunder. Ein Wunder, das wir Ihnen in die kalten deutschen Wohnzimmer mit dem muffigen Heizungsgeruch bringen.“ Herzler bedankt sich für die wichtigen Informationen und schaltet zurück.

 

„...deshalb ist die Zeit gekommen, den internationalen Fernsehkünstler des neuen Jahrtausends zu küren. Wer anders könnte das besser als unser Minister für Verdunkelung Dr. Schleier..“

„Vielen Dank, verehrter Herr Kosmonaldo, für die erfreuenden Einleitungsworte, derer Sie sich befleißigen, um mit mir einen wesentlichen Träger des öffentlichen Interesses zu bewillkommnen. ... Ich wünschte mir, ich könnte noch 10 Minuten auf diese Art und Weise weiter sprechen. Da aber auf unseren Preisträger noch wichtige Termine warten, muss ich mich leider kurz fassen. Meine umfassenden Worte, die ich nun dem Zeitdruck opfere, werden Ihnen allesamt über unsere Pressestelle, über das Internet und SMS, Post, Werbebroschüren, Haustürvertreter usw.zugehen. Im folgenden bediene ich mich eines von professioneller Feder verfassten Redetextes. Nun will ich also beginnen, hier ist mein Text, verehrte Damen und Herren, ich fühle mich sehr geehrt, Ihnen den Preisträger für internationale Fernsehpräsenz vorstellen zu dürfen. Für einen Politiker ist es immer eine Herausforderung, einmal innezuhalten und nachzudenken, und einem Mann seinen wohlverdienten Preis zu überreichen – einem Mann, den Sie alle kennen. Er hat uns in der jüngsten Vergangenheit eines der größten Fernsehspektakel aller Zeiten beschert. Seine Inszenierungen, mit denen er Millionen von Menschen in den Bann zog, waren auf allen Kanälen zu sehen. Die Fernsehsender erlösen enorme Summen aus den Werbeeinnahmen, wenn seine spektakulären Aktionen zur besten Sendezeit laufen. Die bahnbrechende Art seiner Präsentationen hat dabei auch viele Kritiker auf den Plan gerufen. Nicht alle waren mit seinen Kunstgriffen wie denen vom 11. September 2001 einverstanden.  Meine sehr verehrten Damen und Herren, begrüßen Sie nun den neuen Preisträger des Bambis für internationale Fernsehpräsenz. Applaus für Osama bin Laden.“

 

Dr. Herzler sieht eine große Menschentraube sich aus dem Schatten der Bühne lösen. Alle tragen schwarze Kampfanzüge und schwarze Masken. Inmitten dieses Menschenclusters hinkt eine schmale Gestalt mit langen zotteligen grauen Haaren und dem Gesichtsausdruck einer alten Ziege, die keine Milch mehr geben will. Dr. Herzler erkennt ihn: Osama bin Laden. Minister Schleier geht auf die Knie und überreicht ihm während er seine Füsse betrachtet, den Bambi. Das zottelige Wesen nimmt ihm das Ding ab und zieht ihm damit eins über die Rübe. Dann hebt er mit seiner dünnen faserigen Stimme an zu sprechen. Da ihn keiner versteht, fängt der Simulatonübersetzer auch gleich an:

 

„Das ist ja allah hand, dass die Deutschen mir den Preis verleihen. Ich find Euch Deutsche vorbildlich, weil Ihr den Adolf Hitler hattet. Deshalb werde ich diesen Bimbo auch Adolf nennen. Und dann werde ich ihn in meinem Flieger in die Luft sprengen. Ach nee, dann geh ich ja selber drauf. Aber vielleicht kann ich ihn über Guantanamo abwerfen, wo meine ganzen Freunde aus Afghanistan Urlaub machen, ach nee, dann kriegen mich die Amis, die Blödmänner.“

„Bis hierhin vielen Dank, lieber Osama, und ich freue mich nun darauf, eine Weltprämerie im deutschen Fernsehen präsentieren zu dürfen. Zum ersten Mal können Sie, verehrtes Publikum entscheiden, auf welches Objekt Osama bin Laden und seine lustigen Kumpels den nächsten Anschlag verüben sollen. Wir haben dazu drei Ziele für Sie zur Auswahl. ARD und ZDF haben sich schon die exklusiven Senderechte gesichert. Und Sie entscheiden, von wo unsere Reporter dann den nächsten Anschlag live in Ihre Wohnzimmer übertragen werden. Jetzt einen Tusch. Das ist unsere Auswahl für Sie:

A: der Mond, weil die Amis dort als erste ihre Fahne reingesteckt haben

B: die schweizerische Stadt Lausanne, weil ihr Name die Buchstabenkombination USA (LAUSANNE) enthält oder

C: das öffentliches Pissoir in der Innenstadt von Heidelberg, wo stationierte GIs heimlich Klebebildchen von internationalen Terroristen zum Einkleben im Sammelalben tauschen.

Bitte greifen Sie jetzt zu Ihren Telefonhörern und wählen Sie die jeweiligen Nummern. Unsere Leitungen sind 24 Stunden lang geschaltet. Sie können auch etwas gewinnen. Als Hauptpreis winkt Ihnen eine Reise mit zwei Personen in den Irak, all inklusive versteht sich. Dafür spielen wir Ihnen nun unser Animationsvideo ein.

 

Dr. Herzler nimmt seinen Telefonhörer ab und trifft seine Wahl. Derweil läuft auf der Mattscheibe die Präsentation des Hauptpreises, dargeboten von einer warmen und einschmeichelnden Frauenstimme: „Sie wohnen erster Klasse in unmittelbarer Nähe des Präsidentenpalastes. Sie schlafen in Saddam Hussein-Bettwäsche, tragen auch nachts eine steife Uniform und sind mit allen Waffen der Welt ausgestattet. In der ersten Woche besuchen sie die Produktionsstätten für biologische Kampfstoffe. Dort bekommen Sie ein kleines Päckchen als Andenken für später. Als besonderer High-Light winkt Ihnen die Benutzung als menschliches Schutzschild durch die Leibstandarte Saddam Hussein. Bei einem US-amerikansichen Angriff können Sie sich aus nächster Nähe von der Präzision der Aktionen der vollgeknallten GIs überzeugen...

Dr. Herzler wechselt den Kanal und verlässt den Raum. Langsam wird ihm langweilig. Immer das Gleiche im Fernsehen, denkt er. Doch es ist wie eine Sucht: trotz der Niveaulosigkeit der Show muss er weitergucken. Er kehrt auf sein Sofa zurück und schaltet wieder zu: Mittlerweile haben sich die Kollegen von Bin Laden im ganzen Saal verteilt. Doch sie ahnen nicht, dass sie sich damit auf den Besuch einer der schrecklichsten Geisterbahnen des Landes begeben. Denn mit jeder neuen Stuhlreihe, die sie erreichen, sehen sie mehr und mehr blutleere und künstliche Grimassen von altersschwachen Politikgruftis und Konzernmafiosis, senilen Schauspielerwracks und unter ihrer Schminke sterbenden Nachrichtensprecherinnen auftauchen. Mit ihren eingefrorenen weißen Gesichtern sind sie wie untote Vampire, die auf dem Weg in ihren Sarg einen kurzen Zwischenstopp eingelegt haben. Bin Laden und Konsorten werden zunehmend nervös, als sie mit ihren Macheten vor den Augen von Verbandsopportunisten, Umweltverbrechern und TalkShow-Sabbelheinis herumfuchteln und damit nicht die geringste Reaktion provozieren können. Stumpf glotzt die Steif-Society auf die Bühne, wo Dr. Kosmonaldo nach einem Plausch mit Bin Laden wieder an das Mikrofon tritt:

„Ja meine Damen und Herren, das schmeißt sogar unseren lieben Preisträger um. So viele Gespenster auf einmal hat er noch nie gesehen. Er bezweifelt, dass hier irgendeiner ein funktionierendes Herz hat. Und das kann man verstehen: denn was sich hier unter abspielt ist wieder einmal eine beispiellose Massenversteifung mit einhergehender Gefühlserstarrung höchsten Grades. Wo sonst die Maskenbildner und Beleuchter aus den anwesenden Zombies noch halbwegs anschaubare Witzfiguren zu zaubern vermögen, offenbart sich jetzt unbändiger Schrecken. Tja, wenn ich unter Ihnen säße, und meine Schnauze zu halten hätte, wäre ich genauso. Bin Laden glaubt, dass in Deutschland alle Friedhöfe heute Tag des Offenen Sargs haben. Aber wir wissen es besser: nein Sie da unten sind keine Zombies. Sie sind wirklich so: steife, eitele und emotionlose Wichtigtuer.“

 

Dr. Herzler sieht noch wie Osama bin Laden und seine Kollegen alle ihre Waffen wegwerfen und heulend aus dem Saal rennen. Vorher flüstert Bin Laden noch in das Mikro eines Reporters: „Ich bin zerstört. Allah hat mich verstoßen und in die Hölle geschickt. Habe ich nicht immer das gemacht, was ich an seiner Stelle von mir verlangt hätte?“ Da gähnt Dr. Herzler ganz herzhaft, ja eine wirklich ausdrucksstarke Bewegung seines Kiefers, und schaltet den Fernseher aus. Das war mal wieder so eine langweile Preisverleihung.