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Hamburg Mission

Weder Fisch noch Fleisch

Da steht er: Dr. Herzler. Er ist in Hamburg und wartet auf ein Taxi. Schon bremst ein beiger Mercedes vor ihm ab.

Dr. Herzler, der steife Gast der Universität zu Hamburg, öffnet den Wagenschlag.

„Steigen Sie ein“, sagt der Fahrer freundlich. Aus dem Innern des Wagens dringt starker Seegeruch.

„Bitte befördern Sie mich zur Elbe. Ich möchte dort Untersuchungen durchführen“, sagt der anerkannte Hydrologe .

„Die Elbe ist lang“, erwidert der Fahrer. „Ja“, sagt Dr. Herzler, „das stimmt. Sie scheinen sich auszukennen. Sagen Sie, wie kommt es, dass ein Fisch zur Taxiprüfung zugelassen wird?“

„Ich verrate ihnen was“, flüstert der Fisch und beugt sich an einer roten Ampel nach hinten. „Ich habe gar keinen Taxischein. Den Wagen haben ich mir geborgt.“

„Das ist interessant. Ihnen als Fisch dürfte der Weg zur Elbe jedenfalls bestens bekannt sein.“

„So ist das“, sagt das Flossentier und gibt Gas. Er freut sich, Ruhe vor der Nässe gefunden zu haben, ohne gleich im Brötchen gelandet zu sein.

„Wie haben Sie das geschafft ?“, fragt Dr. Herzler den fischigen Held.

„Ich lag auf den Tischen zwischen den anderen Fischen, als plötzlich meine innere Stimme zu mir sprach: 'Willst du denn hier tatenlos rumliegen, bis du in einer fettigen Imbißfritteuse landest ?', fragte sie mich. 'Schlender doch lieber ein bisschen durch die Stadt ! Hier sollen geile Meerjungfrauen an Land gekommen sein.' 'Jo !', sagte ich und sprang kurz danach in die Jacke eines betrunkenen Marktbesuchers.

Als der in ein Taxi steigen wollte, kam der Fahrer rum und verweigerte ihm den Zugang: 'Hier kommt keiner rein, der nach Kotze oder Fisch stinkt'.  Ich lukte aus der Tasche und - zack - mit einem Satz saß ich am Lenkrad und fuhr los.“

„Ausgezeichnet“, lobt Dr. Herzler dieses Unterfangen. „Vielleicht könnte ich dieses Phänomen in meinem neuen Buch 'Theorien zur Entwicklung des Spätverkehrs' zur Sprache bringen. Doch zunächst bitte zur Elbe.“

„Wir fahren jetzt in den Freihafen. Da haben Sie reichlich Elbe zur Auswahl.“

„Halten Sie da vorne“, sagt Dr. Herzler kurze Zeit später als sie auf einem Kai an einem Schrottgebirge vorbeifahren. Schnell erklimmt er den Berg aus rostigem Eisen, um über die Silhouette der Stadt zu blicken. Er ist beeindruckt und beschließt, dorthin zurück zu kehren. Doch das Taxi ist leer, der Fisch ist verschwunden, und mit ihm ist auch die Seeluft verflogen. Also setzt sich Dr. Herzler wieder auf den Rücksitz und wartet. Kurz darauf schlummert er ein.

Kaum dass er das Tor zum Reich der Träume erreicht hat, hört er eine Stimme: „Hey, Mann, willste noch was?“ Mühevoll und langsam wie ein Schleusentor öffnet Herzler die Augen. Vor ihm zeigt sich ein unfassbares Gewimmel - von Menschen - und von Geräuschen, die sekündlich lauter werden. Irgendein Typ glotzt ihn mit einem Fischbrötchen in den Fingern an. Er selber hält einen Becher Bier in der Hand und stützt sich auf einem Stehtisch ab.

Er wankt aus der Halle. Draußen ist es dämmrig. Es ist ein kalter Sonntagmorgen. Im Trubel von Händlern und singenden Schabracken fällt sein Blick auf einen Fisch. Er liegt da vorne auf den Tischen zwischen den anderen Fischen.