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Electric Mission

Dr. Herzler - Electric Mission

Und wieder blickt er in den Kühlschrank. Herzler bewundert seine Elektrogeräte, weil sie Energie verbrauchen. Denn Energie ist Materie, die immer schneller geworden ist; ein Phänomen, das unwissende Menschen nicht kennen, und die dumme Masse ohnehin nicht versteht. Ja, und der Kühlschrank ist voller Flaschen und Dosen, Quarze und Metalle, die sich aneinanderschmiegen wie schmusende Wangen, Atome verschiedenster Gruppen, großartig!

Herzler, der meritenüberhäufte Forscher auf dem Gebiet der Polymer-Kunststoffe, spricht sogar mit seinen Elektrogeräten.

So nennt er den Herd gerne "meine kleine Susi" und den Staubsauger liebevoll "du kleiner Sauger". Eine besondere Erregung entfaltet seine Stimme, wenn er die Mikrowelle betrachtet und sie mit "oh - du steifer Kasten" anspricht.

Am liebsten segnet Herzler - vor einem Fachgeschäft für Elektroartikel stehend - die ausliegenden Geräte. Er verteilt Prüfsiegel und träumt von der Zertifizierung nach Herzler-Norm. Der elektrische Stuhl begeistert ihn; er versucht durch das Tragen von Gummisohlen statische Entladungen zu provozieren. Sein liebstes Fremdwort ist 'kinetisch'.

Auch modisch entspricht Herzler seinen Vorlieben: die Frisur besteht aus vom Kopf abstehenden Haarbüscheln. Damit genügt er den Ansprüchen an einen elektrischen Schlag ebenso wie an eine akademische Lehrkraft.

Herzler verachtet Fußball - es ist ein Sport für grenzdebile Pseudomenschen. Nur ungern erinnert er sich der Demütigungen, denen er sich als Junge von 12 Jahren aussetzen mußte. Während die anderen Jungs Fußball spielten, saß Herzler zu Hause und versuchte, elektromagnetische Reaktionen anhand von Lehrbüchern seines verstorbenen Onkels zu imitieren und die Formeln auswendig zu lernen. Wenn er nachmittags zum Schulsport mußte, riefen die anderen Jungs auf dem Schulhof:

- Herzel, Herzel, lutscht sich selbst die Brezel !

Er wußte gar nicht, was die meinten, aber es war ihm klar, daß es gemein war, und diese Gemeinheit kam vom Fußballspielen.

Heute läßt Herzler bei Interviews im Fernsehen keine Chance aus, über den Fußballsport herzuziehen, etwa so:

- Wer Fußball sieht, hat kein Verständnis für die Faszination einer aus einer Formel abgeleiteten Funktion. oder:

- Wenn im Fernsehen ein Fußballänderspiel zu sehen ist und ich weiß, daß ein Dreiviertel der Nation wie geklonte Affen vor dem Bildschirm sitzt, packt mich die Wut. Denn keiner denkt über die Funktionsweise der Braunschen Röhre nach.

Nein, Herzler, der erbarmungslose Riesenschädel, weiß zwar um die Körperregionen unterhalb der Halsschlagader, er versucht sie aber weiterhin zu ignorieren. Seinem Intellekt sind nur technische Errungenschaften zugetan - Emotionen versucht er rein mathematisch zu ergründen.

Einmal hat er mit seinem tollen Computer ein Lied komponiert - für die Musik bediente er sich verschiedener Samples:

 

  Ich steh' voll auf Industrie

  Schöne Schwer- und Grundstoffindustrie

  Wünderschön riecht die Chemie

  Was Schöneres als Bitterfeld gab es nie

 

  Ich steh' voll auf Industrie

  Geile Schwer- und Grundstoffindustrie

  Richtig schmutzig muß sie sein

  Alles andere zieh' ich mir nicht rein

 

   Ich steh' voll auf Industrie

  Geile Schwer- und Grundstoffindustrie

  An jedem Bauzaun bin ich zu seh'n

  Egal was passiert, ich werde nicht gehen

 

Viele kennen diesen Hit noch; in der DDR gehörte er sozusagen zu den Karnevalshits.

Herzler dokumentiert jeden technischen Vorgang mit der gebotenen Akribie. So versucht er zum Beispiel bei jedem Zugunglück schnellstens zu der Unglücksstelle zu gelangen, um die Formation der entgleisten Waggons exakt aufzuzeichnen. Es ist für ihn von herausragender Wichtigkeit, genauestens festzuhalten, welche Deformationen die Wagen und die Schienenstränge aufweisen. Oftmals drängen ihn entsetzte Ordnungskräfte beiseite, die er mit verachtenden Blicken straft. Er bejubelt jedes zerstörte Abteil und versucht im nachhinein zu berechnen, wie die mechanischen Kräfte gewirkt haben. Er beherrscht jede physikalische Formel aus dem FF.

Angehörige von Opfern einer solchen Katastrophe, die im Fernsehen oder in Illustrierten  ihre Gequältheit zeigen, lacht er aus. In  einem Gespräch mit der Fachzeitschrift "Zug - und Flugunglück" wurde er kürzlich mit den Worten zitiert: "Die Menschen begreifen nichts von der Schönheit der mechanischen Gesetze. Wenn sie von herabstürzenden Ziegeln zerquetscht werden, jammern sie oder ihre Angehörigen über das Unglück. Dabei muß man solch ein Geschehen positiv begreifen: es ist doch eine Gnade, wenn man die Kraft physikalischer Gesetze am eigenen Körper spüren kann."

Herzlers Eingaben beim Verkehrsministerium, bei jedem Flugzeugabsturz sofort benachrichtigt zu werden, um privilegiert an Ort und Stelle Forschungstätigkeiten durchführen zu können, wurde bisher nicht entsprochen.

Daraus erklärt sich sein Haß auf die Bürokratie, die ihm auch bei der Anmeldung verschiedener Patente wie der sich selbst zerstörenden Diskothek oder dem elektrischen Faustschlag  immer wieder einen Strich durch die Rechnung macht.

"Ignorantes Schreibtischpack" oder "Anti-Fortschrittsbrut" sind noch gnädige Ausdrücke, die Herzler für die Beamten übrig hat.

Gesinnungsgenossen für einen Anschlag auf das Münchener Patentamt konnte er bis jetzt ebenfalls noch nicht rekrutieren    ------

Begeistert hat er deshalb festgestellt, daß Unbekannte an die Wände des Berliner Forschungsministeriums geschrieben haben: KEINER TEILT DEN MUT UND DIE ENTSCHLOSSENHEIT UNSERES DOKTOR HERZLER.